Telefon

Unseren Service erreichen Sie
Montag bis Freitag
von 8.00 Uhr bis 18.00 Uhr unter
(0848) 22 82 22

Eine schöne englische Landschaft
BLOG
Die feine englische Art

Dry January: Zwei Arten von Briten und ein Monat ohne Ausrede

Dry January: Zwei Arten von Briten und ein Monat ohne Ausrede

Gesunde Säfte in einer Saftbar

Der Januar beginnt in Großbritannien traditionell mit einem Versprechen, das so alt ist wie der Kater am Neujahrsmorgen. Man trinkt nicht. Zumindest eine Zeit lang. Dry January heißt das Ganze, klingt nach Gesundheitskampagne, ist aber in Wahrheit ein gesellschaftlicher Selbstversuch mit offenem Ausgang. Ein Monat ohne Alkohol, in einem Land, das Pubs erfunden hat, um das Wetter, die Geschichte und sich selbst besser zu ertragen.

Dabei gibt es in Großbritannien zwei Arten von Menschen, die den Dry January grundsätzlich unterschiedlich erleben.

A Dry Life vs. Dry January

Die erste Gruppe bemerkt ihn kaum. Das sind jene Briten, die ohnehin selten trinken, ”normal Tea” mit Milch trinken, abends früh nach Hause gehen und bei der Frage nach ihrem Lieblingsdrink kurz überlegen müssen, was es außer Tee noch gibt. Für sie ist der Dry January kein Monat, sondern ein Lebensstil. A Dry Life. Der Januar ist für sie kein Verzicht, sondern Bestätigung. Endlich machen es alle anderen auch mal richtig.

Die zweite Gruppe fürchtet den Januar schon Ende Dezember. Das sind die Hartgesottenen, jene, die behaupten, sie könnten mit den Russen mithalten, wenn es ums Trinken geht, und vermutlich recht haben. Menschen, die den Pub nicht als öffentliche Einrichtung, sondern als zweite Heimat begreifen. Für sie beginnt der Dry January mit einer leichten Unruhe. Noch ein Pint? Vielleicht zwei. Man weiß ja nie.

Zwischen diesen beiden Lagern entfaltet sich im Januar ein stiller Kulturkampf. In Büros, Küchen und WhatsApp-Gruppen wird verhandelt, was zählt und was nicht. Ein Glas Wein beim Kochen? Zählt als Nahrung. Ein Cider nach dem Sport? Hydration. Ein Schluck vom Rest der Silvesterflasche, nur um sie nicht schlecht werden zu lassen? Alles andere wäre nicht nachhaltig!

Der Pub im Wartemodus

Was den Dry January so britisch macht, ist nicht der Verzicht, sondern der Umgang damit. Niemand spricht von Abstinenz. Man spricht von „giving it a go“. Von „just January“. Von einem Experiment, das jederzeit abbrechbar ist, ohne dass man das Wort Scheitern benutzen müsste. Sollte man doch trinken, sagt man nicht, dass man aufgehört hat. Man sagt, man mache es „flexibel“. Das rettet die Würde.

Interessanterweise funktioniert der Dry January genau deshalb. Für einen Monat verlagert sich das soziale Leben. Man trifft sich zum Spaziergang statt zum Pint, trinkt alkoholfreies Bier und Guinness (das erstaunlich gut schmeckt), solange niemand darüber spricht, und entdeckt, dass Gespräche auch ohne Alkohol möglich sind. Nicht immer, aber immer öfter.

Medizinisch ist das Ganze schnell erklärt. Die Leber erholt sich, der Schlaf wird tiefer, die Konzentration steigt. Psychologisch ist es komplizierter. Der Dry January zwingt zur Auseinandersetzung mit Gewohnheiten. Warum trinkt man eigentlich? Aus Genuss, aus Routine, aus Geselligkeit oder einfach, weil es da ist? In Großbritannien, wo der Pub seit Jahrhunderten sozialer Knotenpunkt ist, ist diese Frage weniger banal, als sie klingt.

Die Moralapostel kommen erst im Februar

Am Ende des Monats passiert etwas Bemerkenswertes. Die erste Gruppe bleibt unverändert. Die zweite auch, allerdings mit neuer Perspektive. Manche trinken danach weniger. Manche trinken danach bewusster. Manche trinken am 1. Februar demonstrativ ein Pint, als wäre es eine Rückkehr zur Ordnung. Alles legitim.

Dry January ist kein moralisches Projekt. Es ist eine kurze Verschnaufpause. Eine Unterbrechung in einem Land, das “Windows” sonst nur dem Wetter zugesteht. Er teilt die Briten nicht dauerhaft, aber er macht sichtbar, wie unterschiedlich sie ticken. Die einen leben trocken, ohne darüber zu reden. Die anderen reden viel darüber und trinken noch mehr.

Und genau darin liegt der Charme des Dry January. Er ist nicht perfekt, nicht konsequent und nicht für alle gleich. Typisch britisch eben. Man probiert es. Man hält durch oder auch nicht. Und danach geht man gemeinsam in den Pub. Oder nach Hause. Mit Tee, versteht sich.

Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die Redaktion sich die Entscheidung vorbehält, ob und wann Ihr Leserbrief an dieser Stelle veröffentlicht wird.

Ihre E-Mail Adresse, den Vornamen und Ihren Namen benötigen wir zur Direktkommunikation zu Ihrer Veröffentlichung, etwa um Missbrauch und Fälle von Rechtsverletzungen unterbinden zu können. Ihre Daten werden ausschließlich in Zusammenhang mit dieser Kommentarfunktion genutzt und zu diesem Zweck in elektronischer Form gespeichert. Eine Weitergabe Ihrer Daten oder Teile davon erfolgt ausdrücklich nicht. Die entsprechende Datennutzung akzeptieren Sie mit dem Ausfüllen und Absenden dieses Formulars. Weitere Informationen zum Schutz Ihrer persönlichen Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte füllen Sie das Formular aus (alle Felder müssen ausgefüllt sein).

Leserbriefe (0)

Keine Leserbriefe gefunden!

Neuen Leserbrief schreiben

Mehr aus der Rubrik "Very British"

Dry January: Zwei Arten von Briten und ein Monat ohne Ausrede

Very British | von Judith Heede

Der Januar beginnt in Großbritannien traditionell mit einem Versprechen, das so alt ist wie der Kater am Neujahrsmorgen. Man trinkt nicht. Zumindest…

Weiterlesen
Wie der Tee nach England kam

Very British | von Susanne Arnold

Im Jahr 2737 vor Christus in China machte der Kaiser Shennong während einer Reise Rast unter einem schattigen Baum. Er war bekannt für sein Interesse…

Weiterlesen
Küste, Kälte, Klarheit: Wie Briten das Jahr beginnen

Very British | von Judith Heede

Das neue Jahr beginnt auf den Britischen Inseln nicht mit Vorsätzen, sondern mit einem Sprung ins kalte Wasser. Bei klarem Himmel, scharfem Wind und…

Weiterlesen
The British Way of Gifting: Kleine Traditionen mit großer Wirkung

Very British | von Judith Heede

Kleine Traditionen mit großer Wirkung

In Großbritannien ist Schenken kein Wettbewerb und keine sportliche Belastungsprobe, sondern ein Ritual mit…

Weiterlesen