Manche Karrieren beginnen nicht mit einem konkreten Plan, sondern mit einer Idee, die durch die Decke geht. So im Fall von Syd Barrett, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Geboren 1946, veränderte der Gitarrist, Sänger, Songschreiber und Gründer von Pink Floyd die Musikwelt.
Barrett kam aus Cambridge – Kunststudent, neugierig, verspielt, mit einem Sinn für Humor, der nie ganz harmlos war. Als Pink Floyd Mitte der Sechzigerjahre in London auftauchten, klangen sie anders als alles, was sonst aus den Clubs kam. Weniger Blues, weniger Pose, mehr Irritation. Barretts Songs wirkten wie aus einer Parallelwelt. Kinderreime mit Rissen. Surreal, britisch, leicht verschoben und verschroben. „Arnold Layne“, „See Emily Play“ – Popsongs, die sich ein wenig so anhörten, als wären sie zusammengewürfelt worden.
Barrett spielte Gitarre, als würde er sie im Laden testen. Nicht virtuos im klassischen Sinn, sondern suchend, tastend, mit Feedback, Verzerrung und offenen Enden. Seine Texte erzählten von surrealen Figuren und Szenen. Das Debütalbum “The Piper at the Gates of Dawn” trägt diese für Barrett typische Handschrift.
Der Absturz kam nicht plötzlich
Mit dem Erfolg wuchs der Druck, mit dem Druck der Kontrollverlust. LSD spielte eine Rolle, aber nicht die einzige. Schlaflosigkeit, Überforderung, ein Geist, der sich immer weiter nach innen zurückzog. Auf der Bühne stand Barrett manchmal reglos da, stimmte seine Gitarre minutenlang oder spielte etwas, das nichts mit dem Song zu tun hatte. Die Band wusste nicht mehr, ob sie ihn schützen oder ersetzen sollte. Am Ende tat sie Letzteres.
1968 war Barrett faktisch nicht mehr Teil von Pink Floyd. Es gab keinen offiziellen Bruch – aber die Band holte immer häufiger einen alten Freund dazu. David Gilmour stand ohne große Ansage plötzlich mit auf der Bühne und spielte Barretts Songs. Barrett selbst erschien noch gelegentlich zu Proben oder fuhr mit, war aber zunehmend nicht mehr in der Lage aufzutreten – bis die Band schließlich aufhörte, ihn abzuholen. Kurz darauf zog er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück, verließ London, kehrte nach Cambridge zurück, lebte wieder bei seiner Mutter, fuhr Fahrrad, ging einkaufen und sprach kaum über das, was war.
Der Mythus stirbt zuletzt
Pink Floyd wurden größer, strukturierter und mit jedem Album auch ein Stück weiter entfernt von dem suchenden Sound, den Syd Barrett einmal verkörpert hatte. Während die Band ihre Musik weiterentwickelte, rückte Barrett aus dem Zentrum, ohne dass es dafür ein klares Datum oder einen erklärten Abschied gab. Zwei Soloalben entstanden noch, „The Madcap Laughs“ und „Barrett“, Aufnahmen, die eher dokumentieren als künstlerisch inszenieren und voller Ideen, die gleichermaßen berühren wie irritieren.
Bemerkenswert ist, dass Barrett in dem Moment, in dem er verschwand, präsenter wurde als je zuvor. Die Musik von Pink Floyd begann sich um das zu drehen, was verloren gegangen war, um den Freund, den man nicht retten konnte, um jenen Riss, der sich nicht schließen ließ. ”Wish You Were Here” sagt alles.
Der Mythos wuchs, während er sich ihm entzog, und vielleicht ist genau das der Grund, warum er bis heute anhält.
Der stille Rückzug
Barrett selbst schien daran kein Interesse zu haben. Freunde berichten von kurzen Begegnungen, höflich, freundlich, distanziert, ohne Bitterkeit und ohne Bedürfnis nach Rückschau. Er malte, hörte Musik, lebte ruhig, fast so, als habe er ein früheres Leben abgeschlossen und ein anderes begonnen, ohne Übergang, ohne Kommentar.
Syd Barrett starb 2006 im Alter von 60 Jahren. Es gab kein Comeback, kein spätes Werk, keinen inszenierten Abschied. Geblieben ist etwas anderes – weniger sichtbar, aber tief wirksam: der Beweis, dass Einfluss nicht von Dauer abhängt und dass es manchmal reicht, zur richtigen Zeit eine Tür zu öffnen, die nie wieder ganz geschlossen wird.


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