Ob vor oder hinter der Kamera – Margaret Rutherford und ihr Mann Stringer Davis waren ein eingespieltes Team. Und das bei ursprünglich alles andere als leichten Voraussetzungen. Margaret Rutherford kam aus einem zerrütteten Elternhaus und hatte nie gelernt, wie eine gute Ehe oder Partnerschaft funktionieren könnte. Stringer Davis musste sich gegen seine Mutter behaupten, die einer Heirat mit der sieben Jahre älteren Margaret ablehnend gegenüberstand. Und dann kam auch noch der Zweite Weltkrieg und alles geriet aus den Fugen. Ganze 15 Jahre dauerte die Annäherungsphase des Paares, bis es am 26. März 1945 endlich zur Hochzeit kam.
Schwieriger Start und turbulentes Leben
Als Margaret Rutherford am 11. Mai 1892 in London das Licht der Welt erblickte, ahnte sie nichts von den familiären Dramen, die sich in den Jahren davor zugetragen hatten. Ihr Vater, William Rutherford Benn, war psychisch krank mit Hang zu Depressionen und Wutausbrüchen. Als er im Jahr 1883 nach einem vierwöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt entlassen wurde, fuhr er gemeinsam mit seinem Vater, Reverend Julius Benn, zur Kur. Es sollte die letzte Reise für den Reverend werden. Am 04. März 1883 wurde er tot aufgefunden. Untersuchungen ergaben, dass William Rutherford Benn seinen Vater erschlagen hatte. Anschließend hatte er versucht, sich selbst die Kehle durchzuschneiden. Er wurde in einer gesicherten Anstalt untergebracht. Die Entlassung erfolgte im Sommer 1890.
William und seine Frau Florence änderten daraufhin ihren Nachnamen offiziell von Benn in Rutherford. Nach Margarets Geburt wanderte die Familie nach Indien aus, wo Florence 1894 während ihrer zweiten Schwangerschaft Selbstmord beging. Die kleine Margaret wurde zu ihrer Tante Bessie Nicholson gebracht, die keine eigenen Kinder hatte und gemeinsam mit ihrem Bruder und dessen Tochter ein Haus in Wimbledon bewohnte. Hier verbrachte Margaret Rutherford ihre Kindheit und erfuhr erst im Alter von 12 Jahren vom Schicksal ihrer Eltern. Sie litt daraufhin selbst phasenweise an Depressionen und Panikattacken und fehlte zeitweise über mehrere Wochen am Stück in der Schule. Ihr ganzes Leben lang sorgte sie sich darum, ähnlich instabil zu sein wie ihre Eltern und entschied sich bewusst gegen leibliche Kinder.
Seit ihrer frühesten Kindheit wollte sie immer nur Schauspielerin werden. Doch der Weg war steinig und Margaret war jahrelang gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt als Klavierlehrerin und Sprecherzieherin zu verdienen. Als ihre Tante 1923 starb und Margaret ein kleines Erbe erhielt, investierte sie dieses in ihre Schauspielausbildung. 1925 stand sie im Alter von 33 Jahren erstmals auf der Bühne des Old Vic Theatre. Ihren späteren Mann hatte sie drei Jahre zuvor kennengelernt, da er ebenfalls Schauspieler war.
Doch immer noch ließ die Karriere auf sich warten. Die Engagements waren spärlich und beliefen sich auf kleine Rollen oder Zweitbesetzungen. Mit Stringer Davis führte sie eine Art platonische Beziehung, die mal enger und mal lockerer gestrickt war. Unterschiedlichen Meinungen zufolge könnte es auch daran gelegen haben, dass Margaret sich aufgrund ihrer familiären Vergangenheit mit sexueller Nähe nicht ganz leichttat und Stringer als bisexuell galt (teilweise wird er auch als nicht geouteter Homosexueller bezeichnet). Stringer erwies sich aber schon damals als großer Unterstützer und guter Freund.
Die erste Filmrolle kam 1936. Jahrelang verband man Margaret Rutherford mit ihrer Paraderolle als Miss Prism, bis sie zur Miss Marple wurde und diese in vier Kinofilmen verkörperte. Stringer Davis spielte in allen vier Filmen den Bibliothekar Mr Jim Stringer, der gleichzeitig der Vertraute und das zweite Augenpaar für Miss Marple verkörpert. Die Rolle gab es im Drehbuch nicht, aber Margaret Rutherford bestand darauf, ihren Mann dabei zu haben und so wurde Mr Stringer kurzerhand dazugeschrieben – ein großer Gewinn, wie sich später herausstellte. Zuvor hatten die Eheleute auch schon für den Film „Hotel International“ gemeinsam vor der Kamera gestanden. Margaret Rutherford gewann für diesen Film einen Oscar sowie den Golden Globe Award.
James Buckley Stringer Davis kam am 04. Juni 1899 in Birkenhead in Cheshire zur Welt. 1918 wurde er an die Front geschickt. Nach dem Krieg arbeitete er als Schauspieler und Regisseur und lebte zwischen Oxford und London in der Nähe seiner Mutter – die Eltern hatten sich nach Kriegsende getrennt. Etliche Jahre später heiratete er während eines längeren Fronturlaubs gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Margaret Rutherford. Es existieren zahlreiche Aufnahmen der beiden aus den 1950er- und 1960er-Jahren, teilweise handelt es sich um private Fotos, teilweise um Bilder, die bei Dreharbeiten gemacht wurden, aber leider existiert kein einziges Hochzeitsfoto.
Immer zu zweit
Trotz oder vielleicht gerade wegen der anfänglichen Schwierigkeiten ihrer Beziehung, traten sie bis zuletzt als Team auf. Sie war die Berühmtheit der beiden, aber in einem Interview sagte sie einmal, dass er dafür permanent Engagements als Schauspieler gehabt hätte, während sie gerade während der Anfänge immer wieder auf ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin habe zurückgreifen müssen, um sich finanziell über Wasser zu halten.
Tatsächlich war Stringer Davis stolz darauf, dass es außer einer fünfwöchigen Phase während der Kriege immer Arbeit als Schauspieler für ihn gegeben hatte, zumindest am Theater. Für seine späteren Filmrollen sorgte Margaret. Dennoch begegneten sich die beiden stets auf Augenhöhe, unterstützten sich gegenseitig, ließen sich Freiraum und waren gleichzeitig so innig miteinander verbunden, dass kein Blatt dazwischen passte. Zu Interviews erschienen sie gemeinsam, niemand drängte sich in den Vordergrund, sie schätzte seine Meinung und er die ihre. Wenn sie drehte, begleitete er sie und wachte am Set.
Sie waren einander zugetan, weltoffen, tolerant und an vielem interessiert. Sie pflegten guten Kontakt zur Nachbarschaft und feierten Partys – aber solche, auf denen man sich noch unterhielt – , die auch schon mal aufgrund des Wetters vom Garten spontan in eine der Nachbarwohnungen verlegt wurde, wie sie in einem Interview erzählten, von dem noch heute Aufnahmen existieren.
Anfang der 1960er-Jahre nahmen sie den Schriftsteller Gordon Langley Hall bei sich auf und adoptierten ihn. An ihm wurde einige Jahre später eine der ersten geschlechtsangleichenden Operationen weltweit durchgeführt, die ihn zur Frau machte. Ein weiteres Beispiel für die Weltoffenheit der beiden, gerade zur damaligen Zeit.
Auch als Margaret zur Dame Rutherford wurde und von der Queen den Ritterschlag erhielt, zeigte sich, wie sehr sich die beiden ihre Erfolge gönnten. Das Paar hatte das, was viele Partnerschaften vermissen lassen – eine tiefe, unzerstörbare Verbundenheit – auf ihre ganz eigene Art. Joan Hickson, die später selbst die Miss Marple in einer BBC-Serie verkörperte, soll die beiden als das liebenswürdigste und seltsamste Paar beschrieben haben, das ihr je begegnet sei.
Dramatisches Ende
Margaret starb im Jahr 1972 an einer Lungenentzündung und Stringer folgte ihr nur ein Jahr später. Beide wurden nebeneinander auf dem Friedhof der St. James Church von Gerrards Cross beigesetzt. Nach Stringers Tod gab es einigen Aufruhr um das Erbe. Es heißt, Stringer habe seine Frau im Testament vermerkt gehabt, aber die war ja bereits vor ihm gestorben. Also habe die Haushälterin unbefugt diverse Wertgegenstände an sich genommen und diese veräußert. Die Orden, die Margaret einst besessen hatte, sollen bei Sotheby’s aufgetaucht sein, einige andere Gegenstände bei einem Antiquitätenhändler.
Bis heute verschwunden ist Margarets Oscar, den die Haushälterin ebenfalls veräußert hatte.
Was bleibt ist die Erinnerung an zwei wunderbare Charakterschauspieler und ein großartiges Paar – bis zum Schluss.


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