„Wenn du Soul singst, dann singst du Soul.“
Lisa Stansfield meinte 1990 in einem Interview mit der Los Angeles Times, als man sie erneut darauf ansprach, wie ungewöhnlich es sei, dass eine weiße Britin Soul singt: „Was hat meine Hautfarbe damit zu tun? Ich singe so, wie ich mich fühle.“ Diese positive und geradlinige Haltung begleitet die gesamte Karriere der Sängerin, die heute 60 Jahre alt wird.
Auf dem steinigen Weg zum Erfolg
Ihre Karriere begann früh, aber nicht mit sofortigem Durchbruch. Bereits 1980 gewann sie als Jugendliche die britische Talentshow Search for a Star, ein erster Erfolg, der jedoch noch keine direkte Karriere nach sich zog. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis sie tatsächlich internationale Aufmerksamkeit fand, und genau diese Zeit erklärt viel über ihre spätere Stabilität.
In den Achtzigern arbeitete sie gemeinsam mit Ian Devaney und Andy Morris, zunächst in der Band Blue Zone, die zwar erste Erfolge feierte, jedoch noch den entscheidenden Durchbruch verpasste. Diese Zeit war geprägt von Versuchen, ihren Platz in der Musikszene zu finden, und auch von einigen Fehlentscheidungen, die sie später selbst reflektierte. „Wir haben damals ein Album aufgenommen, von dem wir glaubten, es würde sich gut verkaufen, statt eines, das uns wirklich wichtig war. Das war völlig falsch.“
Parallel dazu sammelte sie praktische Erfahrung auf Bühnen, die alles andere als glamourös waren. „Die Leute haben mich von der Bühne gebuht, damit endlich das Bingo anfangen konnte“, sagte sie rückblickend. Wer diese emotionale Steinschlacht gekämpft hat, ist bestens vorbereitet auf dem oftmals harten Weg in einer Musikkarriere.
Von „Affection“ zum Richtungswechsel
Der entscheidende Moment kam 1989 mit Affection, einem Album, das Lisa Stansfield weltweit bekannt machte. All Around the World wurde schnell zu einem Hit auf der ganzen Welt, und weitere Singles festigten den Erfolg des Albums in den Charts. Nach den ersten Erfahrungen mit früheren Produktionen traf sie eine bewusste Entscheidung: „Beim nächsten Mal haben wir gesagt: Wir machen ein Album, das wir selbst gerne hören.“ Dieser Ansatz führte zu einem Album, das nicht nur Erwartungen erfüllte, sondern nach den eigenen musikalischen Vorstellungen gestaltet wurde.
Kritiker nahmen das ernst und lobten die Verbindung aus Soul und Clubsound als äußerst treffend. Auch die Charts bestätigten dies: „All Around the World“ erreichte unter anderem den ersten Platz der US-R&B-Charts, was zu dieser Zeit für eine britische Künstlerin wirklich beeindruckend war.
Öffentlichkeit, Rückzug und persönliche Entscheidungen
Lisa Stansfield hat sich nie nur durch ihre öffentliche Rolle definiert. In einem entspannten Interview aus dem Jahr 2018 teilt sie ihre ganz persönliche Sicht auf ihre Karriere: „Meine Karriere ging immer rauf und runter. So habe ich gelernt zu sehen, was passiert, wenn alles wieder abebbt.“ Diese authentische Haltung zur eigenen Prominenz zeigt sich auch in ihrem Privatleben.
An ihrer Seite steht seit vielen Jahren Ian Devaney, ihr Ehemann und zugleich einer ihrer engsten musikalischen Weggefährten. Kennengelernt haben sich die beiden schon als Jugendliche. „Wir kennen uns, seit ich 14 bin“, sagt sie. Diese Konstanz wirkt gerade im oft flüchtigen Musikgeschäft fast ungewöhnlich. Mit ähnlicher Offenheit spricht sie auch über sehr persönliche Themen, darunter ihren unerfüllten Kinderwunsch und mehrere IVF-Versuche, die sie irgendwann abbrach. „Man muss es wirklich mit allem wollen, was man hat. Ich wollte es nicht genug.“
Auch gegenüber den Mechanismen der Branche hat sie sich nie verstellt. Zur #MeToo-Debatte äußerte sie sich bewusst differenziert und machte dabei deutlich, dass sie ihren Platz nie über Inszenierung gesucht hat, sondern über ihre Arbeit. „Ich war nie jemand, der sich über Inszenierung definiert hat. Ich habe mich immer auf mein Talent verlassen.“
Neuerfindung? Völlig überbewertet!
Auch musikalisch hat Lisa Stansfield nie den Drang gehabt, sich ständig neu zu erfinden. Nach ihrem internationalen Erfolg machte sie mit Alben wie So Natural, Lisa Stansfield und später Deeper weiter, ohne abrupte Stilwechsel oder den Versuch, sich irgendeinem Trend anzupassen. Soul blieb ihr Ausgangspunkt, dazu kamen Pop und R&B, aber immer so, dass ihre eigene Handschrift erkennbar blieb.
Gerade das ist im Popgeschäft eher selten. Viele Künstlerinnen ihrer Generation verschwanden irgendwann von der Bildfläche oder änderten ihren Stil so stark, dass vom ursprünglichen Profil kaum etwas übrig blieb. Stansfield dagegen blieb bei dem, was sie konnte. Das war selten spektakulär, aber auf Dauer sehr stabil.
Was für ein schöner Anlass, ihren 60. Geburtstag zu feiern. Man muss seine Karriere nicht größer machen, als sie ist. Stansfields Erfolg lebt eben nicht vom einzigen ikonischen Moment, sondern von vielen klugen Entscheidungen, von Erfahrung und von einer erstaunlichen Kontinuität. Ihre bekanntesten Songs funktionieren bis heute, weil sie gut geschrieben und sehr sorgfältig produziert sind. Das ist am Ende mehr wert als das große Tam-Tam. In Großbritannien sowieso, aber wie Lisa bewies, auch im Rest der Welt.


Suche



Leserbriefe (0)
Keine Leserbriefe gefunden!