Während ein Großteil der internationalen Unterhaltungsindustrie weiterhin einem sehr amerikanischen Schönheitsideal hinterherläuft, irgendwo zwischen Margot Robbies Hochglanz-Barbie und dem chirurgisch optimierten Dauerlächeln à la Kim Kardashian, halten britische Schauspielerinnen seit Jahren mit Lachfältchen, Humor und Hirn dagegen. Und mit einem Selbstverständnis, das nicht auf Perfektion, sondern auf Präsenz setzt.
Angeführt wird diese Haltung von einer Generation britischer Schauspiel-Ikonen, die sich weder an Hollywood-Logiken angepasst noch je davon einschüchtern lassen hat. Ganz vorne dabei stehen Kate Winslet und Emma Thompson. Zwei Karrieren, die sehr unterschiedlich begonnen haben, sich aber in einem Punkt treffen: in der konsequenten Weigerung, sich selbst zu verraten.
Aktuelle Projekte, klare Ansagen
Kate Winslet hat mit Goodbye June nicht nur eine Hauptrolle übernommen, sondern erstmals auch Regie geführt. Das Drehbuch stammt von ihrem Sohn Joe Anders, produziert wurde der Film von ihr selbst. In Interviews sagte sie dazu nüchtern, warum sie diesen Schritt so lange nicht gegangen ist. Sie sei seit ihrem 25. Lebensjahr Mutter gewesen, erklärte sie, und habe ihre Energie zwischen Familie und Schauspielkarriere aufgeteilt. Regie zu führen sei lange schlicht nicht machbar gewesen. Umso wichtiger sei es ihr nun, „aktiv dazu beizutragen, die Kultur rund um weibliche Filmemacherinnen zu verändern“. Es gehe hier nicht um Ehrgeiz, sondern um Strukturen.
Winslet spricht dabei offen aus, was viele wissen, aber selten so klar benennen. Dass es weniger Regisseurinnen gibt, habe auch damit zu tun, dass viele Frauen parallel Care-Arbeit leisten. Deshalb sei Goodbye June für sie nicht nur ein Film, sondern gleichzeitg ein Statement. Sie bringt damit die Geschichte ihres Sohnes auf die Leinwand und nutzt zugleich ihre eigene Position, um Türen zu öffnen.
Emma Thompson ist aktuell in der Apple-TV-Serie Down Cemetery Road zu sehen, gemeinsam mit Ruth Wilson. Thompson spielt Zoë Boehm, eine private Ermittlerin mit scharfem Mundwerk, klarer Haltung und wenig Geduld für Umwege. Thompson sagte in Interviews, die Rollen von ihr und Wilson seien für dieses Genre ungewöhnlich, gerade weil sie nicht gefallen sollten. Die Serie erzähle von Frauen, die nach ihren eigenen Instinkten handeln und sich nichts vorschreiben lassen. Sie verwies auch darauf, dass Down Cemetery Road den Bechdel-Test „auf so vielen Ebenen besteht, dass einem schwindlig wird“. Der Bechdel-Test ist ein einfacher Maßstab dafür, ob in einem Film oder einer Serie mindestens zwei benannte Frauen miteinander über etwas anderes sprechen als über einen Mann.
Von Sinn und Sinnlichkeit
Seit Emma Thompson und Kate Winslet 1995 in Sinn und Sinnlichkeit erstmals gemeinsam vor der Kamera standen, verbindet ihre Karrieren ein gemeinsamer Referenzpunkt, ohne dass sich ihre Wege danach weiter überschnitten hätten. Thompson schrieb das Drehbuch, spielte die ältere der beiden Schwestern und trug maßgeblich die inhaltliche Verantwortung für Ton und Haltung des Films. Winslet war Anfang zwanzig und fiel bereits damals durch eine Ernsthaftigkeit auf, die sie nicht als Nachwuchsschauspielerin erscheinen ließ, sondern als gleichwertige Partnerin vor der Kamera.
Beide kamen aus klar britischen Kontexten, wenn auch aus sehr unterschiedlichen. Winslet wuchs in Reading auf, ohne Glamour und ohne Absicherung, und stand bereits als Teenager für BBC-Produktionen vor der Kamera. Thompson kam aus Cambridge, aus der britischen Comedy- und Theaterszene, geprägt von Sprache, Timing und präziser Beobachtung. Gemeinsam war beiden ein nüchterner Zugang zum Beruf, der Schauspiel als Handwerk versteht, nicht als eitle Selbstdarstellung oder Abkürzung zu Ruhm und Ehre.
Nach Sinn und Sinnlichkeit entwickelten sich ihre Karrieren unabhängig voneinander weiter. Winslet wurde mit Titanic weltbekannt, nutzte den Erfolg jedoch nicht zur Festlegung auf ein bestimmtes Rollenbild. Filme wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind, The Reader oder später Mare of Easttown zeigen eine bewusste Verschiebung hin zu komplexen, oft unbequemen Figuren. In Mare of Easttown spielte sie eine amerikanische Ermittlerin mit einem starkem Akzent, sichtbarer Erschöpfung und ohne jede ästhetische Glättung, wofür sie mit einem Emmy ausgezeichnet wurde.
Thompson blieb ihrer Linie ebenfalls treu. Ob in The Remains of the Day, Love Actually oder aktuell in der Serie Down Cemetery Road, sie wählt Rollen, die durch Haltung und Text funktionieren, nicht durch polierte Oberfläche oder unnötig aufgeblähte Handlungen. In Down Cemetery Road spielt sie eine Ermittlerin mit burschikoser Autorität, herrlich trockenem Humor und Erfahrung, ohne sich je zu rechtfertigen oder erklären zu müssen.
Öffentlich positionieren sich beide seit Jahren klar
Winslet lehnt Retuschen ab und spricht offen über Körperbilder und Alter, ohne daraus ein Programm zu machen. Thompson kritisiert wiederholt die männliche Dominanz in Drehbüchern und Produktionsstrukturen und verweist darauf, dass Frauenrollen lange zu wenig komplex geschrieben wurden.
Was beide verbindet, ist der Blick nach vorn. Winslet produziert, führt Regie und übernimmt Verantwortung. Thompson arbeitet als Schauspielerin, Autorin und Produzentin weiter an Stoffen, die Frauen ins Rampenlicht rücken – nicht wegen ihres Aussehens, sondern für ihren Mut, ihre Persönlichkeit, ihre Stärke, ihren Witz und ihr Engagement. Und dahinter wächst eine neue Generation heran, sichtbar selbstbewusst, weniger angepasst, hervorragend ausgebildet. Namen wie Jodie Comer, Saoirse Ronan oder Florence Pugh zeigen, dass diese Linie nicht abreißt.


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