Wer von England nach Wales fährt, merkt es kaum: Noch eben rollt man durch die Landschaft Gloucestershires, wenige Minuten später befindet man sich bereits in Wales. Dazwischen liegt der Fluss Severn – und eine Brücke, die seit sechzig Jahren zwei Länder enger miteinander verbindet. Am 8. September 1966 war dies noch eine absolute Sensation. Königin Elizabeth II. und der Duke of Edinburgh waren gekommen, um die neue Severn Bridge offiziell zu eröffnen. Zehntausende Menschen versammelten sich auf beiden Seiten des Flusses, manche hatten zuvor sogar in ihren Autos übernachtet, Schulkinder und Pfadfinderinnen standen Spalier, Soldaten begleiteten den königlichen Besuch. Auf dem Wasser ertönten die Schiffshörner, als die königliche Autokolonne langsam über die neue Brücke fuhr.
Bewachte Gedenktafel
Es war ein Tag des Feierns – aber nicht ganz ohne Nervosität. Die Brücke war für Wales weit mehr als ein neues Stück Strasse. Sie versprach wirtschaftlichen Aufschwung und schnellere Verbindungen nach England, gleichzeitig fürchteten die Behörden Proteste walisischer Nationalisten. Die Gedenktafel, die die Queen auf der walisischen Seite enthüllen sollte, wurde deshalb über Nacht bewacht. Bevor die Brücke eröffnet wurde, beförderten Autofähren wie die „Severn Queen“ und später die „Severn Princess“ Reisende, Politiker und sogar Mitglieder des Königshauses über die Flussmündung. Mit der Brücke begann eine neue Ära.
Ein Fluss mit römischer Vergangenheit
Schon der Name der Brücke erzählt ein Stück Geschichte. Der Fluss Severn ist der längste Fluss Großbritanniens und heißt auf Walisisch „Afon Hafren". Sein Name reicht weit zurück: Geoffrey of Monmouth erzählt in seiner mittelalterlichen Historia Regum Britanniae von der legendären Königin Gwendolen, deren Stieftochter Habren im Fluss ertränkt worden sein soll – zuvor soll sie ihren Ex-Gatten und seine neue Frau ermordet haben, eine durchaus düstere Legende. Der Überlieferung nach erhielt der Severn seinen Namen nach ihr. Bereits die Römer kannten den Fluss unter dem Namen „Sabrina" – ein Hinweis darauf, dass der Name noch älter ist als Monmouths Sage und tief in der Geschichte der britischen Inseln verwurzelt ist.
Verbindung zwischen Wales und England
Königin Elizabeth II. würdigte bei der Eröffnung vor allem die praktische Bedeutung der neuen Verbindung. Die Brücke, sagte sie, sei ein „wesentlicher Bestandteil“ des modernen Strassennetzes, das dringend benötigt werde. Die Severn Bridge brachte England und Wales nicht nur verkehrstechnisch näher zusammen. Sie erleichterte den Austausch von Menschen und Waren und trug dazu bei, die Region rund um den Severn zu einem bedeutenden Wirtschaftsraum zu entwickeln.
Damals allerdings musste jeder bezahlen, der die neue Verbindung benutzen wollte. Die Maut betrug am Eröffnungstag zwei Schilling und sechs Pence – umgerechnet 12,5 Pence. Die Zeiten haben sich jedoch geändert: Die Maut für die Severn-Querungen wurde Ende 2018 vollständig abgeschafft.
Britisches Kulturerbe
Die Severn Bridge blieb nicht lange die einzige Möglichkeit, den Fluss auf einer Autobahn zu überqueren. 1996 wurde die zweite Severn-Querung eröffnet. Die heutige Prince of Wales Bridge nimmt einen grossen Teil des Verkehrs auf und bietet eine direktere Verbindung in Richtung Newport und Cardiff. Die alte Severn Bridge aber hat ihren besonderen Charakter behalten. Sie gehört inzwischen zum britischen Kulturerbe und wurde 1998 als Bauwerk der höchsten Schutzkategorie Grade I eingestuft. Wer heute über sie fährt, erlebt deshalb einen kleinen Moment britischer Verkehrsgeschichte.
Ein Video von der Eröffnung im Jahr 1966 sehen Sie hier im BBC-Archiv!


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