Wer den Weg durch die Kensington Gardens nimmt, vorbei an den breiten Spazierwegen und der berühmten Bronzestatue von Peter Pan, steuert nahe dem Nordufer des Serpentine-Sees fast zwangsläufig auf ein seltsames Schutzgehäuse aus Glas und Stahl zu. Darin befindet sich kein klassisches Monument, sondern das verbliebene Holz einer uralten Eiche: die Elfin Oak. Der Stumpf stammt von einem Baum, der vor geschätzten 800 bis 900 Jahren keimte. Als er im 19. Jahrhundert abstarb, blieb die gewaltige Hülle stehen – bis der Illustrator Ivor Innes in den 1930er-Jahren begann, in die verwitterte Rinde Dutzende kleine Figuren einzuschnitzen.
Ivor Innes arbeitete dabei eng mit seiner Frau Elsie zusammen. Gemeinsam schufen sie 1930 das illustrierte Kinderbuch The Elfin Oak of Kensington Gardens, um die Charaktere auf dem Baum zum Leben zu erwecken. Elsie verfasste die Zeilen, während Ivor die Illustrationen lieferte. Das Buch beginnt mit der verträumten Frage:
„Die Wee Fairy Folk sind nach London Town gekommen. Haben Sie ihr Haus in der alten, alten Eiche in Kensington Gardens gesehen?“
Das Tor zur keltischen Sagenwelt
Eichen besitzen in der britischen Landschaft seit jeher eine besondere Anziehungskraft. In der keltischen Mythologie galt der Baum als Verbindung zwischen der sichtbaren Welt und dem Reich der Geister; das keltische Wort für Eiche, daur, bildet die sprachliche Wurzel für das englische door (Tür). Ein alter Eichenstumpf ist in dieser Vorstellung nie nur Totholz, sondern eine Schwelle. Wer den Zauber herbstlicher Wälder schätzt, findet übrigens auch im schottischen Fascally Wood ein besonderes Naturerlebnis.
https://blog.the-british-shop.ch/view/enchanted-forest-fascally-wood-wird-zum-lichterwald
Von Waldhasen, gelehrten Kobolden und berühmten Gästen
Innes nutzte die natürliche Symbolik und verwandelte die Furchen des Stammes in eine dichte Szenerie britischer Folklore. Bei genauem Hinsehen entdeckt man faszinierende Details:
- Dandy-Puff: Ein kleiner Kobold in gelbem Gewand, der neugierig aus einer Holznische ragt.
- Der braune Waldhase: Er sitzt am Fuß des Stammes, die Löffel aufgestellt, um die Feen vor herannahenden Gefahren zu warnen.
- Quips: Ein kleiner Mann mit Brille, der über einem aufgeschlagenen Buch brütet und die Annalen des Feenreichs protokolliert.
Andy Williams, Park Manager für Kensington Gardens, bringt die Faszination auf den Punkt:
„Kensington Gardens ist einer der magischsten Parks für Kinder und ein Teil seiner Anziehungskraft ist die Elfin Oak, in der Elfen, Hexen und Eulen eine geheime Welt bewohnen."
Seit fast hundert Jahren begeistert der Baum Besucher aller Generationen. Sogar Prominente verfielen seinem Charme: Der Komiker Spike Milligan engagierte sich persönlich bei zwei Restaurierungen in den 1960er- und 1990er-Jahren, und Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour ließ sich vor dem Stumpf für das Innencover des legendären Albums Ummagumma fotografieren.
Tradition der Baumkunst und Blick in die Zukunft
Die Eiche fügt sich nahtlos in die Umgebung der Kensington Gardens ein, die eine Balance zwischen gestalteter Parklandschaft und historischem Baumbestand halten. Geschnitzte Baumruinen wie diese haben in Großbritannien Tradition – man denke an die Fairy Oak auf der Isle of Wight. Aber auch in Deutschland gibt es Parallelen, etwa bei den Baumskulpturen im Berliner Tiergarten.
Für die Zukunft stehen bei den Royal Parks konservatorische Maßnahmen im Vordergrund. Das Holz wird regelmäßig behandelt, um den Verfall durch Feuchtigkeit aufzuhalten. Vor allem an Werktagen stehen oft Schulklassen vor dem Schutzgitter: Lehrer nutzen den Stumpf für den Kunstunterricht sowie als Naturkunde-Beispiel dafür, wie abgestorbenes Holz als Ökosystem dient und gleichzeitig Kulturgeschichte bewahrt.
Kein klassisches Monument
Nach einem längeren Rundgang durch den Park zieht es einen fast automatisch noch einmal zurück zur Elfin Oak. Ob es das uralte Holz ist oder das Gefühl, von einer der kleinen Figuren beobachtet zu werden? Ein Verwalter der Royal Parks, der neben uns Besuchern verweilte, fasste die Wirkung treffend zusammen:
„Es ist kein Monument im klassischen Sinn, sondern ein stiller Ort, der den Blick der Besucher entschleunigt. Kinder sehen darin sofort eine Geschichte, Erwachsene meist die Vergänglichkeit des Holzes gegen die Zeit."


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