Die Strick-Saison ist offiziell eröffnet! Doch was auf den Schauen für Herbst/Winter 2026 bei der Copenhagen Fashion Week und in der Kollektion von Paul Costelloe als Trend durch die Gazetten geistert, ist jenseits der Laufstege gelebte Kulturgeschichte. Wer billiges Acryl gewohnt ist, greift hier ins Volle: natürliches Wollfett, kräftige, bisweilen kratzige Fasern, seidige Erstschur. Ein Streifzug durch die Manufakturen und Spinnereien – von den Klippen Connachts bis in die schottischen Borders.
Aran: Die Architektur des Atlantiks
Kein Kleidungsstück trägt die Rauheit des Nordatlantiks so greifbar in seinen Maschen wie der Aran Jumper. Benannt nach den Inseln Inis Mór, Inis Meáin und Inis Oírr vor der Bucht von Galway, zeichnet sich der Klassiker durch ungebleichte, cremeweiße Wolle (Báinín) aus, die noch ihr natürliches Wollfett enthält. Die natürliche Struktur der Wolle schützt teilweise vor Nässe und bindet zugleich Feuchtigkeit. Sein Gewicht erhält das Garn jedoch durch das Wollfett und die Garnstärke. Die Zöpfe, Rauten und Wabenstrukturen sind kein bloße Dekoration, sondern gestrickte Thermoisolation: Sie schließen Luftpolster ein und schaffen ein reliefartiges Dämmwerk. Die heute verbreitete Geschichte von den Strickmustern als Erkennungsmerkmal für verunglückte Fischer ist zwar eine Erfindung des irischen Marketings aus den 1930er-Jahren, tut der Haptik jedoch keinen Abbruch.
Heute halten Betriebe wie das 1965 gegründete Familienunternehmen Aran Woollen Mills im westirischen Westport die Produktion aufrecht. Auf modernen Flachstrickmaschinen entstehen dort dreidimensionale Zöpfe aus robuster Wolle. Das Dubliner Haus IrelandsEye übersetzt eine ähnlich strukturierte Strickoptik in geschmeidige Garnmischungen aus Wolle und Kaschmir.
Donegal: Granit im Garn
Im Nordwesten Irlands, in Kilcar im County Donegal, befindet sich die Spinnerei Donegal Yarns. Hier wird das typische Donegal-Tweed-Garn gesponnen. Die Besonderheit liegt im Kardierprozess: Beim Kardieren oder in einem nachfolgenden Verarbeitungsschritt werden farbige Noppen (flecks oder neps) in das Garn eingearbeitet. Sie verhaken sich im Hauptgarn und erzeugen eine gesprenkelte Textur mit optischer Tiefe – wie Granitgestein, Torfmoos und Heidekraut im Sonnenlicht.
Fair Isle: Geometrie und verwebte Fäden
Auf der winzigen, sturmumtosten Insel Fair Isle entsteht seit Generationen eine Technik von grafischer Strenge. Ein klassisches Merkmal der Technik ist, dass pro Reihe strikt nur zwei Fadenstränge gleichzeitig verarbeitet werden. Die Spannfäden auf der Rückseite erhöhen die Garnmenge und können das Gestrick wärmer und windabweisender machen..
Seit der Prince of Wales, der spätere Edward VIII., 1921 im Fair-Isle-Pullover ohne Ärmel, gilt das Muster als Legende. Das Familienunternehmen Harley of Scotland aus Peterhead verarbeitet die Motive seit 1929 im Fully-fashioned-Verfahren: Die einzelnen Strickteile werden bereits in Form gestrickt und anschließend sorgfältig miteinander verbunden. Das spart Material und sorgt für eine präzise Passform mit möglichst wenigen Nähten. Eribé in Melrose (Scottish Borders) kombiniert traditionelle Musterfolgen mit bis zu 16 Farbnuancen aus regional gefärbtem Garn.
Shetland: Die Rauheit der Faser
Fair Isle bezeichnet die Mustertradition, Shetland die Wolle und ihre Herkunft. Die Wolle der kleinen, robusten Shetlandschafe ist trocken, leicht drahtig und charakteristisch haarig. Der Faden wird traditionell kurzfaserig gesponnen, was der Oberfläche ihren melierten Charakter verleiht. Die Naturpalette der Vliese reicht von weißlichem Emsket über graues Shaela bis hin zum tiefen Schokoladenbraun Moorit. Shetland-Garn wird nach dem Stricken gewaschen und leicht angebürstet; es besitzt einen ausgesprochen rustikalen Griff, kann bei guter Pflege sehr langlebig sein, ist aber nicht grundsätzlich pillingsicher, und gibt einen stimmigen Kontrapunkt zu schwerem Cord oder Tweed.
Lambswool: Präzisionshandwerk aus Hawick
Wer es glatt und weich mag, geht in die Scottish Borders. Das Städtchen Hawick an der Teviot gilt seit dem 18. Jahrhundert dank des weichen, kalkarmen Flusswassers als Epizentrum der Garnwäsche. Hier fertigt William Lockie, 1874 gegründet und bis heute in Familienhand, seine berühmten Lambswool-Pullover. Das Garn hat eine Faserfeinheit von meist unter 20 Mikronwird in Hawick auf traditionellen Strickmaschinen formgerecht verarbeitet. Die Bündchen werden Masche für Masche von Hand verlinkt (looping). Das Ergebnis ist ein extrem formstabiler, seidig-fester Pullover, der in Farben wie Navy und Bottle Green bei guter Pflege viele Jahre oder sogar Jahrzehnte getragen werden kann.
Ob fülliges Aran-Relief, winddichtes Fair-Isle-Geflecht, trockenes Shetland-Vlies oder handgeformte Lambswool aus Hawick: Dass die Tage kürzer werden und das Thermometer sinkt, verliert augenblicklich seinen Schrecken, sobald man diese Klassiker aus dem Schrank holt. Wer braucht schon den Sommer, wenn die Jumper-Saison endlich Einzug hält!
Unsere Pullover und Stricken finden Sie hier für Damen und Herren!


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