London wollte es wissen. „Bigger, better, bolder“ lautete das inoffizielle Motto der ersten Modewoche des Jahres – und selten hat es so gut gepasst. Mit 41 Runway-Shows, 20 Präsentationen und einer deutlich gestiegenen Beteiligung arbeitet die Stadt spürbar daran, ihren Status als kreativstes Kraftzentrum der „Big Four“ zurückzuerobern. Weniger Minimalismus, mehr Haltung. Weniger Zurückhaltung, mehr Volumen.
Königlicher Auftakt bei Tolu Coker
Eröffnet wurde die Woche von Tolu Coker – mit königlicher Front Row. Charles III. nahm auf einem eigens bereitgestellten Stuhl mit Seidenkissen Platz und setzte damit ein sichtbares Zeichen für britische Kreativität.
Cokers Notting-Hill-inspirierte Kollektion arbeitete mit kräftigen Rot- und Blautönen, mehrfarbigen Tartans und deutlicher Retro-Note. Während wir fieberhaft auf die finale Staffel von Outlander warten, wirkte der Tartan hier weniger nach Highlands-Romantik und mehr nach Großstadt-Statement. Nachhaltigkeit war kein PR-Beiwerk, sondern ein integraler Bestandteil: Deadstock-Stoffe, umweltfreundliche Färbungen, bewusste Materialwahl. Tartan erschien nicht als folkloristisches Accessoire, sondern als selbstbewusstes, überraschend modernes Element mit klarem Londoner Akzent.
Tailoring mit Substanz
Parallel dazu zeigte London seine klassische Stärke: präzises Schneidern. Bei Paul Costelloe, nun unter William Costelloe, dominierten Chocolate Brown, erdige Beigetöne und klares Weiß. Taillenbetonung, strukturierte Schultern, saubere Linien – eine Hommage an handwerkliche Disziplin.
Auch Joseph kehrte nach längerer Pause zurück und setzte auf scharfes, modernes Tailoring mit kosmopolitischer Strenge. Die Silhouetten waren klar, aber nie lieblos. London kann Power Dressing, ohne es steif wirken zu lassen.
Grunge, Gothic und dunkle Romantik
Wer es weniger brav mochte, wurde ebenfalls bedient. AGRO Studio kombinierte Spitze, Leder und satinierte Korsagen zu einer moody Ästhetik zwischen 90er-Grunge und literarischer Dramatik. Militärische Anklänge, natürliche Texturen, voluminöse Maxiröcke – Looks, die durchaus auf ein Wuthering-Heights-Set gepasst hätten.
KSENIASCHNAIDER setzte auf Upcycling, Double-Denim-Looks und khakifarbene Militärreferenzen. Annie Doble wiederum konterte mit Perlen, Federn und aufwendiger Handarbeit – maximalistisch, kunstvoll, bewusst opulent.
Big Dress Energy bei Richard Quinn
Richard Quinn bewies erneut, dass Opulenz in London nie ganz verschwindet. Florale Prints, Drop-Waists, Opernhandschuhe, samtige Off-Shoulder-Silhouetten – ein Hauch Achtziger, aber ohne Nostalgie-Kitsch. Nach Saisons voller Röcke und Zweiteiler wirkte dieses klare Bekenntnis zum Einteiler wie ein modischer Befreiungsschlag. Das Kleid ist nicht nur wieder da, es beansprucht auch seinen Raum.
Sportcore trifft Stadtverkehr
Doch London wäre nicht London ohne funktionale Gegenpole. Simone Rocha nutzte ihre A/W-Show, um die kommende Adidas-Kollaboration offiziell einzuläuten, und bewies, dass Schleifen, Spitze und Sneaker keine Gegensätze sein müssen. Cropped Bomberjacken trafen auf zarte Slipdresses, sportliche Silhouetten auf Rosetten und Bänder – Sportcore bleibt, erhält jedoch einen weicheren, beinahe sentimentalen Unterton..
Noch pragmatischer dachte Johanna Parv an Mode für den urbanen Alltag. Ihre Looks wirkten wie gemacht für Pendlerinnen zwischen Fahrrad, U-Bahn und Büro: durchdachte Taschenlösungen, 3D-Details, dunkle, souveräne Farbpaletten und Layering, das sich mitbewegt . Kleidung nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Funktionieren – ein sehr Londoner Ansatz.
Feminine Power 2.0
Bei Emilia Wickstead traf klassische Eleganz auf bewusste Brüche. Kilts mit hohem Schlitz, Tweedkleider über lässigem Denim, knielange Socken zu schweren Brogues – geschniegelt, aber mit Twist. Ihre Frau wirkt geschniegelt und souverän, hat Termine und Haltung und trägt selbst Volumen mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts mit Nostalgie zu tun hat.
Foday Dumbuya von Labrum brachte derweil Identität und Herkunft in scharf geschnittene Trenchcoats, Anzüge und militärisch inspirierte Silhouetten ein. Seide mit Postkarten- und Briefmarkenmotiven, Anspielungen auf afrikanische Textiltraditionen, präzises Tailoring – Mode als tragbare Geschichte.
Die diesjährige London Fashion Week war vielleicht kein unvergesslicher Jahrgang, aber ein bedeutender: Farben waren leuchtender, Silhouetten selbstbewusster, Stoffe schwerer. Nachhaltigkeit, Handwerk, Identität – all diese Aspekte spiegelten sich in einer Saison wider, die nicht nur gefallen wollte, sondern deutlich Stellung bezog: Bigger, better, bolder – und sehr britisch.


Suche







Leserbriefe (0)
Keine Leserbriefe gefunden!