Kaum zeigt das Thermometer 17 Grad an, werden in Großbritannien die Shorts und Sandalen aus dem Schrank geholt – und der Grill aus dem Schuppen. Es wird gegrillt, als habe man den Hochsommer persönlich bestellt. Wer nördlich des Ärmelkanals geboren wurde, hat zum Wetter ohnehin ein anderes Verhältnis als der Rest Europas. Ein bisschen Sonne und ein paar milde Stunden statt waagerechten Regens – mehr braucht es nicht. Dann startet die Gartensaison mit all ihren Einladungen, bei denen man sich fragt, was schwieriger ist: der Small Talk oder der Weg in halbwegs würdigen Schuhen über englischen Rasen.
Und genau dort wird es modisch interessant. Denn die Gartensaison verzeiht wenig. Zu viel Stoff, und man sieht aus, als hätte man sich auf dem Weg nach Royal Ascot verirrt. Zu wenig, und spätestens nach der ersten Windböe denkt man wehmütig an den Trenchcoat im Auto. Dazu: Kieswege, Rasen, Metallstühle und launisches Wetter. Wer je gesehen hat, wie sich ein Stilettoabsatz in englischen Rasen bohrt, weiß: Die Gartensaison ist ein echter Belastungstest.
Der Mai hat seine eigenen Regeln
Im Mai häufen sich die Termine, bei denen man nicht einfach nur nett angezogen auftauchen möchte, sondern zeigen sollte, dass man den Anlass verstanden hat. Gartenpartys, Taufen, Hochzeiten, Afternoon Teas und vielleicht noch ein Empfang auf der Terrasse eines Landhauses, wo alle so tun, als sei es das Normalste der Welt, bei 17 Grad im Freien Eis mit Erdbeeren zu essen. Dazu kommen die größeren gesellschaftlichen Termine wie die ersten Royal Garden Parties oder die Chelsea Flower Show, bei denen man jedes Jahr schön beobachten kann, wer sich für eine Gartenveranstaltung kleidet und wer für den floralen Opernball.
Das Problem beginnt oft schon mit dem Missverständnis, dass der Dresscode „festlich“ automatisch „aufwendig“ heißen müsse. Muss es nicht. Ein Garten ist kein Laufsteg und ein gutes Midikleid, ein weiter Rock, ein Hosenanzug aus Leinen oder leichter Wolle wirkt meist edler als das glitzernde Paillettenkleid oder der angesagte Seidenblazer.
Unser Geheimtipp: Das Outfit von unten nach oben planen
Die wichtigste Stilfrage der Gartensaison lautet nicht: „Welche Farbe?“, sondern die sexy Frage nach der aktuellen Bodenbeschaffenheit. Rasen, Kies, Steinplatten, manchmal alles in einer halben Stunde. Deshalb haben Blockabsätze, Ballerinas, Slingbacks mit Substanz, Loafer oder gut gemachte Sandalen klare Vorteile. Alles andere ist eine Wette gegen die Natur, und die gewinnt in Großbritannien zuverlässig.
Auch bei den Stoffen ist etwas mehr Nüchternheit kein Fehler. Baumwollpopeline, Leinen, Seidenmischungen, leichte Wolle – vielleicht noch eine kuschelige Strickjacke für später. Weniger überzeugend ist meist alles, was zu glänzend, zu eng, zu synthetisch oder zu ambitioniert wirkt. Ein Kleid, in dem man nur stehen, aber nicht sitzen kann, ist für eine Gartenparty ungefähr so geeignet wie Lackschuhe für eine Wattwanderung.
Erlaubt ist, was gefällt – nur bitte kein Blumenbeet zum Anziehen
Gerade im Mai sieht man schnell, wer den Dresscode verstanden hat. Rund um die Chelsea Flower Show kleiden sich manche Gäste, als wollten sie selbst am Wettbewerb teilnehmen. Riesige Prints, botanische Explosionen, Farben, bei denen selbst den Pfingstrosen kurz schwindlig wird. Dabei sehen die ruhigeren Outfits meist besser aus: ein helles Hemdblusenkleid, ein lässiger Leinen-Zweiteiler, ein weiter Hosenanzug in Salbei, Creme oder Stein, dazu ein vernünftiger Strohhut. Fertig. Man geht zur Flower Show; man ist nicht die Flower Show.
Für Hochzeiten darf es natürlich etwas mehr sein. Mehr Farbe, mehr Stoff, vielleicht auch etwas mehr Hut. Die Betonung liegt auf etwas. Niemand muss um 14 Uhr schon so glitzern, als ob gleich noch ein Kronleuchter aus dem Baum käme. Taufen verlangen fast immer nach mehr Zurückhaltung, mehr Silhouette, weniger Theater.
Die Accessoires entscheiden mehr als man denkt
Bei den Accessoires ist Feingefühl gefragt. Eine kleine strukturierte Tasche, die nicht nach Opernball aussieht. Ein Hut oder Headpiece (also ein kleiner Kopfschmuck), wenn der Anlass es verlangt, aber bitte so, dass darunter noch ein Kopf vermutet werden kann. Ein Trenchcoat oder ein leichter Mantel für den Hinweg.
Und natürlich Schmuck. Tagsüber lieber weniger als mehr. Perlen, ein bisschen Gold, eine gute Uhr, vielleicht ein einzelnes auffälligeres Stück. Niemand muss zur Taufe auftreten, als hätte er sich morgens noch schnell die Kronjuwelen gekrallt.
Was man besser bleiben lässt
Zu hoch, zu kurz, zu steif, zu synthetisch, zu sexy. Das sind die Klassiker der Gartensaison, und man sieht sie jedes Jahr wieder. Dazu die große Fehleinschätzung, eine Veranstaltung im Grünen sei der geeignete Ort, um modisch besonders mutig zu sein. Wer im Mai festlich nach draußen geht, braucht weniger Glamour und mehr Verstand. Einen Stoff, der etwas aushält. Einen Schuh mit Bodenhaftung. Einen Schnitt, der sitzt. Und ein Mindestmaß an Misstrauen gegenüber allem, was im Spiegel sensationell aussieht, aber beim ersten Schritt über englischen Rasen schon wie ein mittelschwerer Irrtum wirkt.


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