Happy Halloween! Heute Abend sollten Sie sich ruhig hinauswagen. Vielleicht begegnen Ihnen Hexen, Vampiren oder Gespenstern mit einer Vorliebe für Süssigkeiten. Doch wenn Sie nach einem wirklich schaurigen Erlebnis suchen, lohnt sich ein Blick über den Ärmelkanal. In Grossbritannien gehören Geistergeschichten, geheimnisvolle Burgen und alte Friedhöfe schliesslich nicht nur zu Halloween zum guten Ton. Die Briten haben dafür ein wunderbares Wort: spooky. Es beschreibt alles, was unheimlich, gespenstisch und herrlich gruselig ist. Und wer weiss: Vielleicht denken Sie beim nächsten Knarren einer alten Tür daran, wie oft es auf den Britischen Inseln angeblich spukt.
Eine Distel rettet Schottland
Stellen Sie sich eine dunkle Nacht vor. Nordische Krieger schleichen sich barfuss an ein Lager schlafender Schotten heran. Sie wollen ihre Gegner überraschen und möglichst keinen Laut von sich geben. Doch plötzlich durchschneidet ein Schmerzensschrei die Stille. Einer der Angreifer ist auf eine stachelige Distel getreten! Die Schotten erwachen, greifen zu den Waffen und schlagen den Überfall zurück. So erzählt es eine bekannte schottische Legende, die mit der Schlacht von Largs im 13. Jahrhundert verbunden wird. Historisch belegt ist diese Episode nicht. Die Distel aber ist tatsächlich Schottlands Nationalblume und ein jahrhundertealtes Wahrzeichen des Landes.
Auch Halloween hat alte Wurzeln. Das Fest geht unter anderem auf Samhain zurück, ein keltisches Fest zum Ende der Erntezeit und zum Beginn der dunklen Jahreshälfte. Nach altem Glauben wurde in dieser Nacht die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und jener der Toten durchlässiger. Ahnen und übernatürliche Wesen konnten umherwandern.
Traquair House: Tore, die geschlossen bleiben
Traquair House in den Scottish Borders gilt als Schottlands ältestes bewohntes Herrenhaus. Besonders geheimnisvoll sind die sogenannten Bear Gates, die eisernen Tore am Ende einer langen Zufahrt. Sie wurden 1739 errichtet und 1745 geschlossen, nachdem Bonnie Prince Charlie, der jakobitische Anwärter auf den britischen Thron, das Anwesen besucht hatte. Der damalige Earl soll versprochen haben, die Tore erst wieder zu öffnen, wenn ein Stuart einst erneut auf dem britischen Thron sitzt. Bis heute sind sie verschlossen. Ob ein Geist über dieses alte Versprechen wacht und die Tore geschlossen hält, bleibt ein Geheimnis. Die Schlossverwalter lassen diese Geistergeschichte bewusst offen …
Inchcailloch: Eine Insel voller Geschichte
Mitten im Loch Lomond liegt Inchcailloch, eine kleine Insel mit Wäldern, reicher Vogelwelt und einem alten Friedhof. Der Name bedeutet ungefähr „Insel der alten oder verschleierten Frau“. Im frühen 8. Jahrhundert liess sich dort die irische Missionarin St. Kentigerna nieder. Der Überlieferung nach entstand später ein kleines Nonnenkloster. Hunderte Mitglieder des berüchtigten Clans MacGregor liegen dort begraben – daher auch der Name „Toteninsel“. Heute ist Inchcailloch ein Naturparadies, in dem zahlreiche Vogelarten leben und Zugvögel zeitweise Zuflucht finden. Stellen Sie sich vor, Sie spazieren hier an einem nebligen Herbstabend, während sich über dem See die Dämmerung ausbreitet. Ein Rascheln im Unterholz, ein Schatten zwischen den Bäumen – und plötzlich klingt das Vogelparadies ein wenig spooky.
Culloden: Die Toten der letzten Schlacht
Am 16. April 1746 wurde bei Culloden nahe Inverness die jakobitische Armee vernichtend geschlagen. Die Schlacht dauerte weniger als eine Stunde, doch Tausende Männer verloren ihr Leben oder wurden verwundet. Die Niederlage beendete den Aufstand zugunsten von Bonnie Prince Charlie und veränderte die Geschichte der schottischen Highlands nachhaltig. Das Tragen traditioneller Highland-Kleidung wurde verboten. Erst später, insbesondere im viktorianischen Zeitalter, erlebten die schottischen Traditionen eine romantische Wiederentdeckung. Bis heute gibt es Berichte von unheimlichen Erscheinungen auf dem Schlachtfeld. Manche Besucher wollen sogar Schreie, das Klirren von Schwertern oder Schüsse gehört haben.
Fyvie Castle: Die Grüne Dame
Ein schottisches Schloss ohne Geistergeschichte? Kaum vorstellbar! Fyvie Castle im Nordosten des Landes ist besonders für seine Grüne Dame bekannt. Der Legende nach handelt es sich um Lilias Drummond, die erste Frau des Schlossbesitzers Alexander Seton. Sie soll gestorben sein, nachdem ihr Mann sie in einem Zimmer eingesperrt und verhungern lassen hatte. Kurz nach ihrem Tod heiratete er erneut. In der Hochzeitsnacht soll Lilias’ Geist ihren Namen in die steinerne Fensterbank geritzt haben. Die Inschrift wird noch heute gezeigt und sowohl Mitarbeitende als auch Besucher berichten von ungewöhnlichen Geräuschen und Schritten in den Gängen.
Der Grosse Graue Mann im Nebel
Nicht alle schottischen Geister bevorzugen alte Gemäuer. Manche fühlen sich in den Bergen wohler. Auf dem Ben Macdui in den Cairngorms, dem zweithöchsten Berg Grossbritanniens, soll eine geheimnisvolle Gestalt umgehen: der Big Grey Man, der Grosse Graue Mann. Die Geschichte wurde besonders durch den Bergsteiger Professor J. Norman Collie bekannt, der 1925 von einem unheimlichen Erlebnis berichtete. Im Nebel habe er hinter sich Schritte gehört – als würde ihm ein Wesen mit riesigen Schritten über das Geröll folgen. Obwohl er niemanden sehen konnte, sei die unheimliche Präsenz immer näher gekommen. Schliesslich floh er voller Angst den Berg hinunter.
Andere Wanderer berichteten später von ähnlichen Erlebnissen. Vielleicht waren es Wind, Nebel und die Einsamkeit der Berge, die ihre Sinne täuschten. Wer auf dem Ben Macdui unterwegs ist, sollte das Wetter ernst nehmen und nicht allein auf Geisterjagd gehen. Die schottischen Berge sind auch ohne übernatürliche Gesellschaft anspruchsvoll genug.
Culzean Castle: Der verschwundene Dudelsackspieler
An der Küste von Ayrshire steht Culzean Castle, eine eindrucksvolle Burg auf steilen Klippen. Hier soll der Geist eines Dudelsackspielers umgehen. Der Legende nach wurden der Musiker und sein Hund einst in die Höhlen unterhalb des Schlosses geschickt, um herauszufinden, ob es dort tatsächlich spuke. Während der Mann durch die Höhlen ging, spielte er Dudelsack, damit die Menschen über ihm seinen Weg verfolgen konnten. Dann verstummte die Musik. Der Dudelsackspieler und sein Hund verschwanden spurlos und wurden nie wieder gesehen. Seither soll sein Spiel in stürmischen Nächten aus den Höhlen zu hören sein.
Eynhallow: Die Insel, die verschwinden konnte
Und nun zum vielleicht geheimnisvollsten Ort unserer Reise: Eynhallow, eine winzige, heute unbewohnte Insel vor der Küste von Orkney. Dort stehen die Ruinen einer alten Kirche, die möglicherweise einst zu einer klösterlichen Gemeinschaft gehörte. 1851 wurden die letzten Bewohner nach dem Ausbruch einer Krankheit von der Insel vertrieben. Seither lebt dort niemand mehr dauerhaft. Die Kirchenruine ist ein stilles Zeugnis einer Vergangenheit, die sich nur noch teilweise rekonstruieren lässt.
Doch Eynhallow ist nicht nur wegen seiner Geschichte geheimnisvoll. In der nordischen Folklore von Orkney spielen die Finfolk eine wichtige Rolle: sagenhafte Meereswesen, die ihre Gestalt verändern können. Nach der Überlieferung war Eynhallow einst als Hildaland bekannt und konnte für menschliche Augen unsichtbar werden. Wer die Insel betreten wollte, musste sie ununterbrochen im Blick behalten und ein Stück kaltes Eisen bei sich tragen. Andernfalls konnte sie plötzlich verschwinden.
Falls Sie Eynhallow eines Tages besuchen möchten: Behalten Sie die Insel lieber gut im Auge. Es wäre doch schade, wenn sie ausgerechnet dann verschwände, wenn Sie wieder nach Hause wollen.
Geisterjäger: Auf Spurensuche im Dunkeln
Wer nun glaubt, solche Geschichten seien nur etwas für Halloween-Touristen, kennt die britische Geisterjäger-Szene noch nicht. Die Society for Psychical Research (SPR), die 1882 gegründet wurde, untersucht Berichte über übersinnliche und paranormale Phänomene und sammelt dazu Informationen. Geisterjäger setzen bei ihren Untersuchungen mitunter Aufnahmegeräte, Infrarotkameras oder andere Messinstrumente ein. Damit lassen sich Geräusche, Wärmeunterschiede und Lichtphänomene dokumentieren – ein Geist ist damit allerdings noch lange nicht bewiesen.
Ob Sie an Geister glauben oder nicht: In Grossbritannien ist spooky nicht nur ein Wort für Halloween. Es ist eine ganze Welt voller Legenden, die bis heute weiterleben. Happy Halloween – und passen Sie auf, wohin Sie treten. Manchmal ist es nicht der Geist, der Sie erschreckt, sondern die Distel unter Ihren Füssen.


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