Die Carnaby Street in Soho wurde in den 1960er-Jahren zum Symbol für ein völlig neues London. Die Stadt präsentierte sich jung, selbstbewusst und experimentierfreudig, und auch die Mode veränderte sich: Neben traditionellen Massschneidern und Kaufhäusern eröffneten kleine Boutiquen mit neuen Ideen für eine junge Generation. Kleidung war plötzlich mehr als etwas, das man anzog – sie wurde zum Ausdruck eines Lebensgefühls. Und die Carnaby Street zu seiner Bühne.
Eine Strasse als lebendiges Modemagazin
Junge Menschen kamen in die Carnaby Street, um zu sehen und gesehen zu werden. Die neuen Geschäfte boten erschwinglichere Einzelteile an, die sich miteinander kombinieren liessen. Bunte, körperbetonte Kleidung und neue Materialien prägten den Look. Die Carnaby Street wirkte damit fast wie ein Modemagazin, dessen Seiten sich bewegten. Nur dass die Models keine Laufstegprofis waren, sondern die jungen Menschen, die durch Soho flanierten. Wer hier unterwegs war, war Teil des Bildes.
Ein König in der Carnaby Street
Dabei war die Carnaby Street keineswegs schon immer eine berühmte Modeadresse. Noch Ende der 1950er-Jahre galt sie eher als unscheinbare Seitenstrasse. Dann begann der Unternehmer John Stephen, ihr Bild zu verändern. Man nannte ihn auch den „King of Carnaby Street“. 1957 eröffnete er dort seine erste Boutique und setzte auf junge Männer, die sich modischer und auffälliger kleiden wollten. Es folgten weitere Geschäfte.
1963 eröffneten die Brüder Warren, Harold und David Gold ihre Boutique „Lord John“ an der Carnaby Street. Bald gehörte sie zu den bekannten Adressen der neuen Londoner Herrenmode. Musiker wie The Who, die Small Faces und Brian Jones von den Rolling Stones zählten zu den Kunden.
1966 kam mit „Lady Jane“ die erste Damenmode-Boutique der Carnaby Street hinzu. Auch ihre Inhaber setzten auf das Prinzip, Mode nicht nur zu verkaufen, sondern zum Ereignis zu machen. Und dann waren da die Namen, die bis heute nach Swinging London klingen: Marion Foale und Sally Tuffin wurden unter anderem für ihre innovativen Hosenanzüge für Frauen bekannt. Irvine Sellar wiederum gehörte mit seiner Kette „Mates“ zu den Pionieren der Unisex-Mode. Die Carnaby Street wurde zugleich zu einem Treffpunkt der Mods – einer Jugendkultur, die mit bisherigen Konventionen wenig anfangen konnte.
Carnaby Street welcomes the world
Spätestens 1966 war der Name international bekannt. Im April jenes Jahres widmete das amerikanische Time Magazine dem neuen London seine berühmte „Swinging City“-Titelgeschichte. Die Carnaby Street spielte darin eine prominente Rolle. Aus der kleinen Strasse in Soho war ein internationales Synonym für den neuen Londoner Stil geworden.
Auch im deutschsprachigen Raum blieb die Strasse nicht unbekannt. 1969 veröffentlichte die amerikanische Sängerin Peggy March den Schlager „In der Carnaby Street“. Damit war der Name endgültig auch in der deutschsprachigen Popkultur angekommen. Wer damals „Carnaby Street“ sagte, meinte deshalb längst mehr als eine Adresse. Der Name stand für kurze Röcke, farbenfrohe Herrenmode, auffällige Muster und eine Jugend, die ihren eigenen Stil entdecken wollte.
Die Strasse wird zur Fussgängerzone
1973 erhielt die Carnaby Street eine weitere Besonderheit: Sie wurde zur Fussgängerzone. Das war damals keineswegs selbstverständlich. Die Massnahme passte jedoch erstaunlich gut zu einer Strasse, deren eigentliche Attraktion längst die Menschen waren. Und die Fussgänger kamen tatsächlich: Nach der Umgestaltung nahm ihre Zahl um rund 30 Prozent zu.
Die Carnaby Street hatte damit einen weiteren Wandel vollzogen. Aus einer Durchgangsstrasse war endgültig ein Ziel geworden. Man kam nicht mehr einfach hier vorbei – man kam hierher.
Von Mods zu Punks und New Romantics
Mit den Swinging Sixties war die Geschichte der Carnaby Street als Treffpunkt der Jugendkultur noch lange nicht vorbei. In den 1970er-Jahren veränderte sich das Bild erneut: Punk und später New Wave brachten einen raueren, rebellischeren Stil nach London. Zwar lag das Zentrum der Punkmode eher an der King’s Road, doch auch die Carnaby Street wurde Teil dieser neuen Szene.
In den 1980er-Jahren folgten die New Romantics mit auffälliger, androgyner Mode, viel Make-up und einem ausgeprägten Sinn für Inszenierung. Auch Boy George war hier präsent: Mit dem Laden „Boy“ gehörte er zur Mode- und Clubkultur jener Jahre. Die Carnaby Street blieb damit das, was sie schon in den 1960ern gewesen war – ein Ort, an dem sich neue Jugendkulturen nicht nur zeigen, sondern auch neu erfinden konnten.
Definitiv keine Nostalgiekulisse
Wer heute unter dem berühmten „Welcome to Carnaby Street“-Torbogen hindurchgeht, findet eine bunte Mischung aus Mode, Lifestyle, Gastronomie und internationalen Marken. Die kleinen unabhängigen Boutiquen der Anfangszeit sind vielerorts internationalen Marken gewichen. Gleichzeitig gibt es in den umliegenden Gassen weiterhin kleinere Geschäfte und kreative Konzepte. Das benachbarte Newburgh Quarter und Kingly Court gehören heute ebenfalls zum Einkaufs- und Ausgehviertel.
Wer hier unterwegs ist, trifft deshalb auf ganz unterschiedliche Besucher. Manche suchen den Hauch des Swinging London, andere interessieren sich für aktuelle Mode, Design oder gutes Essen. Die farbenfrohen Fassaden und engen Strassen erinnern an die berühmte Vergangenheit, während sich die Geschäfte längst den Wünschen einer neuen Generation angepasst haben.
Die Carnaby Street hat ihre berühmteste Zeit längst hinter sich – und ist trotzdem keine reine Nostalgiekulisse geworden.


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