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Halloween beim National Trust: Spuk mit Stammbaum

Halloween beim National Trust: Spuk mit Stammbaum

Halloween trägt heute ein amerikanisches Kostüm – obwohl seine Wurzeln in Europa liegen. In seiner modernen, stark kommerzialisierten Form kommt es vor allem aus den USA zu uns zurück: Anfang September räumen die Supermärkte ganze Gänge für Plastikspinnen, Kunstblut aus der Tube, Skelette in Lebensgröße und Kostüme aus Polyester frei, die beim ersten Kontakt mit einer Kerze in Flammen aufgehen. Vorgärten werden mit aufblasbaren Kürbissen in Kleinwagengröße zugestellt. Kinder klingeln an der Tür und verlangen Süßigkeiten, als ginge es um ausstehende Schulden. Es ist in der Tat gruselig! Ein Geschäftsmodell mit Kürbiskrone.

Das Ganze hat eine gewisse Ironie, denn die Amerikaner haben Halloween nicht erfunden. Sie haben es importiert – wie fast alles andere auch. Irische und schottische Auswanderer brachten die Bräuche im 19. Jahrhundert mit über den Atlantik. Dort wurde aus der geschnitzten Rübe ein Kürbis und aus einem alten keltischen Fest nach und nach ein Milliardengeschäft, das inzwischen in Plastik verpackt wieder zurückkommt.

Dabei bräuchte man auf den Britischen Inseln im Oktober überhaupt keine Dekoration. Gegen halb fünf wird es dunkel, der Nebel kommt waagerecht, und an jeder zweiten Landstraße steht ein Haus, in dem irgendwann jemand ermordet oder enthauptet wurde oder eine äußerst unglückliche Ehe einging. Einen beachtlichen Teil dieser Häuser verwaltet der National Trust, und in den Herbstferien Ende Oktober gibt es dort Geisterführungen, Nachttouren und Kürbisaktionen. An drei Orten wäre selbst das eigentlich überflüssig.

Blickling Hall: Auftritt, Anne Boleyn!

Blickling Hall liegt etwa 15 Meilen nördlich von Norwich in Norfolk. Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Architekt habe den Auftrag gehabt, das gruseligste Haus Englands zu bauen, und dabei übertrieben. Roter Backstein, Türmchen, Giebel, mehr Schornsteine, als Bert aus Mary Poppins in seinem ganzen Leben fegen könnte, und davor ein Wassergraben. Es wurde Anfang des 17. Jahrhunderts für Sir Henry Hobart erbaut. Drinnen gibt es dunkle Holzvertäfelung, große Repräsentationsräume und eine Long Gallery mit rund 37 Metern Länge. Die Bibliothek umfasst mehr als 12.500 Bände. Das sind mehr Bücher, als die meisten Menschen in ihrem Leben lesen, und Sir Henry dürfte da keine Ausnahme gewesen sein.

Die berühmteste Person, die mit dem Ort verbunden ist, hat das heutige Haus nie gesehen. An dieser Stelle stand zuvor ein Herrenhaus der Familie Boleyn, und Blickling gilt als wahrscheinlicher Geburtsort von Anne Boleyn. Sie heiratete Heinrich VIII., was sich, wie bei fast allen seinen Ehefrauen, als ein Fehler erwies. Am 19. Mai 1536 wurde sie im Tower of London enthauptet. Das wäre eigentlich schon Stoff genug für eine Spukgeschichte gewesen Die Folklore wollte aber mehr: Einer Legende zufolge kehrt Anne jedes Jahr an ihrem Todestag in einer Kutsche nach Blickling zurück. Die Pferde haben keinen Kopf. Sie selbst trägt ihren auf dem Schoß. Ein aufblasbarer Kürbis aus dem Baumarkt kann da nicht mithalten.

Vom 3. Oktober bis 8. November 2026 läuft in Blickling „Stranger Folk: Crone Calling“, ein interaktives Halloween-Abenteuer, bei dem Familien per App in die britische Folklore eintauchen. Goblins, Boggarts und andere Gestalten sollen durch einen Riss zwischen Geister- und Menschenwelt geschlüpft sein, den die Besucher wieder schließen müssen. Wer danach noch Energie hat, kann sich im Park verirren. Bei 4.600 Acres, also knapp 1.900 Hektar, und Oktobernebel ist das keine große Kunst. Wer auf Anne Boleyn hofft, kommt im Oktober allerdings zur falschen Zeit. Laut Legende erscheint sie nur am 19. Mai. Damit ist sie vermutlich das einzige Gespenst Englands mit einem Terminkalender.

Eine Aristokratin mit Faible fürs Ausgestorbene

Mount Stewart liegt knapp 30 Kilometer südöstlich von Belfast auf der Ards-Peninsula am Strangford Lough und war der nordirische Sitz der Marquesses of Londonderry. Bekannt ist es aber vor allem für seinen Garten, der zu den berühmtesten der Britischen Inseln gehört. Das liegt am Klima. Das milde Klima rund um den Lough ermöglicht, dass hier Pflanzen wachsen, die in Nordirland eigentlich nichts verloren haben: riesige Eukalyptusbäume, Baumfarne, Palmen und subtropische Gewächse, die man eher in Neuseeland oder Chile vermuten würde. Es riecht überall nach Eukalyptus, und wer die Augen schließt, könnte meinen, er sei in Australien. Bis jemand neben einem über das Wetter schimpft. Das ganze Jahr über ist hier etwas los – von Hochzeiten bis Hundeshows.

Verantwortlich für diesen Garten ist Edith, Lady Londonderry, die ihn ab den 1920er-Jahren anlegen ließ. Zwischen den exotischen Pflanzen verteilte sie Skulpturen und private Anspielungen, die vermutlich nur ihr Freundeskreis verstand. Dieser Freundeskreis hieß Ark Club. Die Mitglieder erhielten Tiernamen, und Lady Londonderry selbst nannte sich Circe, nach der Zauberin aus der Odyssee, die Männer in Schweine verwandelte. Einen Zaubertrank brauchte sie nicht. Ihr reichten ein gutes Abendessen, ein Ballsaal in London und ein Lächeln, und schon fraßen ihr die mächtigsten Männer des Landes aus der Hand. Als wichtigste Gastgeberin der Konservativen hatte sie halb Westminster am Tisch. Ihr größter Erfolg kam jedoch aus dem anderen Lager: Ramsay MacDonald, der erste Labour-Premierminister des Vereinigten Königreichs, verliebte sich hoffnungslos in sie. Der Mann, der die Arbeiterklasse vertreten sollte, schrieb einer Marquess Liebesbriefe. Verhexen lässt sich kaum gründlicher.

Die Tierfiguren auf der Dodo Terrace stammen aus der Zeit des Ark Clubs und stehen dort bis heute. Namensgeber ist der Dodo, jener flugunfähige Vogel von Mauritius, der im 17. Jahrhundert ausstarb und heute als Symbol ausgestorbener Arten gilt. Ein Garten mit steinernen Dodos braucht an Halloween wirklich keine zusätzlichen Requisiten. Davon können sich Besucher vom 24. Oktober bis zum 1. November 2026 überzeugen, wenn Mount Stewart die Frightful Fernery veranstaltet. Ein Pfad führt durch den Farngarten, und im Haus und auf dem Gelände tauchen Hexen, Drachen und andere Figuren aus Legenden auf.

Giant’s Causeway: Halloween, bevor es Plastik gab

Der dritte Ort hat überhaupt kein Haus, und das ist auch gut so. Der Giant’s Causeway an der Nordküste von County Antrim besteht aus rund 40.000 Basaltsäulen, die vor etwa 60 Millionen Jahren durch Vulkanismus entstanden sind. So steht es zumindest in den Geologiebüchern. Die Iren haben eine bessere Erklärung: Der Riese Fionn mac Cumhaill, auf Englisch Finn McCool, baute den Damm, um nach Schottland zu laufen und dort seinen Rivalen Benandonner zu verprügeln. Ein Mann, der eine ganze Brücke baut, nur um sich mit einem Schotten zu schlagen. Auf dieser Seite der Irischen See stößt das bis heute auf großes Verständnis.

Vom 28. bis 31. Oktober 2026 dreht sich beim National Trust am Giant’s Causeway vier Tage lang alles um irische Mythologie und Samhain-Geschichten. Zu den Gästen gehören der Púca, ein Gestaltwandler, dem man in der irischen Folklore besser nicht begegnet, und die Banshee, deren Klagen einen Todesfall ankündigen. Mit anderen Worten: Eine Frau schreit, und danach stirbt jemand. Ein amerikanischer Horror-Parcours mit Kettensäge wirkt dagegen beinahe gemütlich.

Eine Vulkanküste, ein streitlustiger Riese und eine Banshee reichen für einen Tag im Oktober völlig aus. Vom Schrecken erholt man sich danach in einem der Pubs an der Causeway Coast, und zwar mit etwas Hochprozentigem. Die Bushmills-Destillerie liegt nur wenige Kilometer entfernt, am Whiskey mangelt es also nicht. Sláinte!

Hier schließt sich auch der Kreis zum Anfang. Halloween geht zu großen Teilen auf das keltische Samhain zurück, das den Übergang vom Sommer zum Winter markierte. In Irland glaubte man, dass in diesen Tagen die Grenze zur Anderswelt durchlässiger wird. Die Gestalten, die damals umgingen, sind einige tausend Jahre älter als die Plastikspinne und deutlich unangenehmer.

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