Wussten Sie, dass sich unter einem der berühmtesten Wahrzeichen Englands eine der ältesten noch bespielten Zirkusarenen der Welt verbirgt? Seit 1894 begeistert der Blackpool Tower Circus sein Publikum – heute ganz ohne Tiere, dafür mit Akrobatik, Clowns und spektakulären artistischen Höchstleistungen. Am 14. Mai 1894 wurde das imposante Wahrzeichen an der Küste von Blackpool eröffnet. Die Idee dazu stammte von Sir John Bickerstaffe, einem ehemaligen Bürgermeister der aufstrebenden Küstenstadt. Bei einem Besuch in Paris hatte er den Eiffelturm gesehen und sich davon inspirieren lassen. So will es zumindest die Legende.
Später wurde der Blackpool Tower mit einem ausgesprochen selbstbewussten Beinamen beworben: „The Wonderland of the World“ – „das Wunderland der Welt“. Und wer heute vor dem gewaltigen roten Turm steht, kann sich durchaus vorstellen, welche Wirkung er damals auf die Menschen im viktorianischen Zeitalter gehabt haben muss. Der Tower war nämlich von Anfang an weit mehr als ein Aussichtsturm. Er sollte Besucher unterhalten und möglichst lange in Blackpool halten. Heute befinden sich im Gebäudekomplex gleich mehrere Attraktionen, darunter der Tower Top, der berühmte Tower Ballroom, der Blackpool Tower Dungeon und der Tower Circus.
„Manege frei!“ – ununterbrochen seit 1894
Der Blackpool Tower Circus öffnete am selben Tag wie der Tower seine Türen. Der Eintritt kostete damals sechs Pence. Dafür bekamen die Besucher waghalsige Kunststücke, urkomische Sketche und jede Menge Spektakel geboten. Sein Standort ist einzigartig: Die Arena befindet sich direkt unter dem gewaltigen Tower. Seit mehr als 130 Jahren wird hier Zirkus gespielt – der Blackpool Tower Circus zählt damit zu den traditionsreichsten permanenten Zirkusarenen.
Als Tiere noch das Publikum verzauberten
Die Wurzeln des modernen Zirkus reichen sogar noch weiter zurück. Als Begründer des modernen Zirkus gilt der Engländer Philip Astley. 1768 präsentierte er in London Reitvorführungen und ergänzte sein Programm später um Akrobatik, Seiltanz und komische Einlagen. Damit war die Mischung gefunden, die den modernen Zirkus bis heute prägt.
Auch in Blackpool gehörten Pferde lange Zeit zu den großen Attraktionen. Im späten 19. Jahrhundert waren Hippodrome beliebte Publikumsmagnete. Manche Veranstaltungen warteten sogar mit Wagenrennen und Dutzenden Tieren auf. Der Blackpool Tower Circus knüpfte an diese Tradition an, entwickelte sein Programm jedoch ständig weiter. Neben den Pferdevorführungen hielten Luftakrobatik, Trapeznummern, Hochseilartistik und andere spektakuläre Darbietungen Einzug.
Viktorianischer Erfindergeist
Ursprünglich war der Zuschauerraum des Circus eher nüchtern gestaltet. Die mächtigen Stützpfeiler des Towers erinnerten optisch an Eisenbahnviadukte. Im Jahr 1900 wurde die Arena nach einem Entwurf des berühmten Theaterarchitekten Frank Matcham umgestaltet. Er schuf einen prachtvollen Saal mit maurisch inspirierten Formen und dekorativen Details.
Doch der Circus besitzt auch ein technisches Geheimnis unter seinen Füßen: Der Boden der Manege kann abgesenkt werden und gibt dabei ein darunterliegendes Wasserbecken frei. Spektakuläre Wassershows waren deshalb ein wichtiger Bestandteil der Geschichte des Hauses.
Heute unvorstellbar: Zirkuselefanten beim Strandspaziergang
Eine Besonderheit des Blackpool Tower Circus ist heute der bewusste Verzicht auf Tiernummern. Seit 1990 treten hier keine Tiere mehr auf. Früher gehörten unter anderem Elefanten und Pferde zum Programm. Für die Einheimischen war es damals sogar ein vertrauter Anblick, die Tiere bei ihren morgendlichen Spaziergängen am Strand zu sehen. Elefanten an der Küste von Blackpool – heute fast unvorstellbar. Dafür zeigen Jongleure, Balancekünstler und Clowns, dass eine Zirkusvorstellung auch ohne Tiere nichts von ihrer Magie verlieren muss.
Vom Zirkus zum Afternoon Tea
Wer den Blackpool Tower besucht, sollte sich übrigens nicht nur die Manege ansehen. Gleich nebenan wartet mit dem Tower Ballroom ein weiterer legendärer Teil des viktorianischen Unterhaltungskomplexes. Die kunstvoll verzierten Decken, funkelnden Kronleuchter, Balkone und der besondere Schwingboden machen den prachtvollen Ballsaal zu einem Erlebnis. Für viele Profi- und Freizeittänzer ist es ein Traum, einmal hier zu tanzen. Doch auch wer zwei linke Füße hat, kommt auf seine Kosten: An ausgewählten Tagen können Besucher Platz nehmen, den Tänzern beim Walzer zusehen, der berühmten Wurlitzer-Orgel lauschen oder einen Afternoon Tea genießen.
So vereint der Blackpool Tower gleich mehrere typisch britische Leidenschaften unter einem Dach: Architektur, Musik, Tanz und Zirkus. Und so passt der alte Beiname noch erstaunlich gut: „The Wonderland of the World“ – das Wunderland der Welt.


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