Anfang September blickt die Pferdeszene nach England, wenn die Defender Burghley Horse Trials anstehen. Denn dann verwandelt sich die idyllische Parklandschaft rund um das elisabethanische Burghley House in Lincolnshire in einen der anspruchsvollsten Vielseitigkeitsparcours der Reitsportwelt. Während andernorts im modernen Turniersport Parcours feinsäuberlich geglättet und Hallen steril klimatisiert werden, hält man in Burghley stur an der urwüchsigen Härte des Vielseitigkeitssports fest. Wer den Titel bei den Defender Burghley Horse Trials mit nach Hause nehmen will, springt nicht über ein paar bunte Stangen – er siegt auf einem Kurs, der Pferden und Reitern seit Generationen den sprichwörtlichen Zahn zieht.
Aus der Not geboren: Die Entstehung einer Legende
Der Weg zum heutigen Fünf-Sterne-Klassiker (CCI5*-L) begann 1961 mit einer Absage. Als das etablierte Turnier im Yorkshirer Harewood abgesagt werden musste, sprang David Cecil, der 6. Marquess of Exeter und selbst Olympia-Sieger von 1928, kurzfristig als Gastgeber ein. Er öffnete die Pforten seines Anwesens für die Reiterelite – unwissend, dass er damit das Fundament für eines der bedeutendsten Reitsportevents der Welt legte.
Zusammen mit Badminton bildet Burghley bis heute das unangefochtene Herzstück der Vielseitigkeitsreiterei. Doch während andere Kurse im Laufe der Jahre entschärft wurden, um sie massentauglicher zu gestalten, hat Burghley seinen kompromisslosen Charakter behalten. Wer hier die Nase vorn haben will, braucht kein übervorsichtiges Show-Pferdchen, sondern ein physisch wie mental hartgesottenes Leistungspferd mit unerschütterlichem Mut.
Die Dramaturgie: Vier Tage bedingungslose Auslese
Der Wettbewerb fordert Pferd und Reiter über vier Tage hinweg in drei völlig unterschiedlichen Disziplinen heraus:
In der Dressur entscheidet das feine, fast unsichtbare Zusammenspiel zwischen den Hilfen des Reiters und der Reaktionsbereitschaft des Pferdes. Auf dem akkurat gezogenen Rasenviereck verlangt die Aufgabe von den Paaren Lektionen, die absolute Eleganz, Durchlässigkeit und jahrelange Schulung offenbaren. Hier geht es an die Grenzen des Machbaren: Bei der Piaffe – dem kadenzierten Traben auf der Stelle – und der erhabenen Passage schaut das Richtergremium ebenso gnadenlos hin wie bei den fliegenden Seriengaloppwechseln von Sprung zu Sprung. Wenn die Pferde aus schwungvollen Verstärkungen im Galopp ansatzlos in die hochversammelten Pirouetten wechseln, zeigt sich, wer sein Handwerk wirklich beherrscht. Wer hier patzt oder die Nerven verliert, riskiert Strafpunkte, die im weiteren Verlauf des Turniers kaum noch aufzuholen sind.
Samstag – Der Sprung ins Ungewisse
Am Samstag schlägt die Stunde der Wahrheit. Der Geländekurs fordert von den Paaren höchste Kondition, maximale Konzentration und ein tiefes Vertrauen zueinander. Die hügelige Topografie des Anwesens verlangt den Pferden auf den kilometerlangen Steigungen alles an Ausdauer ab. Dazu kommen beeindruckende Hindernisformationen, die Respekt einflößen: Der berüchtigte Cottesmore Leap erfordert einen mutigen, gewaltigen Satz über einen tiefen Graben mit fast drei Metern Breite. An der Lion Bridge entscheidet millimetergenaue Präzision beim Wassereinsprung über den Erfolg, während der Dairy Mound kurz vor dem Ziel noch einmal die allerletzten Reserven fordert.
Alles andere als ein Sonntagsspaziergang
Am Schlusstag entscheidet das Springen. Nach den kilometerlangen Galoppaden des Vortags zeigt sich im Parcours unbarmherzig, wie viel Frische und Sprungkraft nach kurzer Regeneration noch im Pferd stecken. Ein leichter Fehler an den Stangen reicht aus, um Träume vom Sieg binnen Sekunden zu begraben.
Damit die Tiere diese brutale Physis überhaupt leisten können, gleicht ihre Vorbereitung längst der von olympischen Marathonläufern. Mit dem niedlichen Welsh-Cob-Pony auf Nachbars Koppel hat ein modernes Fünf-Sterne-Pferd kaum noch etwas gemein. Diese Athleten werden wie Hochleistungs-Extremsportler gemanagt: Maßgeschneiderte Futterpläne vollgespickt mit speziellen Nahrungsergänzungsmitteln, tägliche Einheiten unter dem Infrarotsolarium, gezielte Physiotherapie und regelmäßige Massagen gehören fest zum Alltagsstandard, um Sehnen, Muskeln und Gelenken instandzuhalten.
Helden, Debakel und die Unberechenbarkeit des Sports
Burghley schreibt Heldensagen, kennt aber auch die dunklen Seiten des Sportes. Der Kurs hat Karrieren vergoldet – wie die von Sir Mark Todd, der hier über Jahrzehnte hinweg wie eine Naturgewalt ritt, oder die von William Fox-Pitt, der sich mit sechs Burghley-Siegen für die Ewigkeit in den Geschichtsbüchern verewigte.
Gleichzeitig zeigt das Turnier aber auch immer wieder seine unerbittliche Härte. Die Historie ist voll von Samstagen, an denen heftige Regenfälle das Parkgelände in eine tückische Rutschbahn verwandelten. Unvergessen sind die Momente, in denen Favoriten an der Lion Bridge im Wasser landeten, schwere Stürze an den massiven Holzhindernissen das Publikum in schockiertes Schweigen hüllten oder hochgehandelte Paare wegen Übermüdung aufgeben mussten. Burghley verzeiht keinen einzigen Moment der Selbstüberschätzung.
Stilvoll im Schlamm: Der Dresscode der Zuschauer
Entlang der Absperrungen sieht man die klassische Garderobe des britischen Landlebens in ihrer ganzen Pracht: elegant wie funktional. Hier trägt man schwere Sakkos aus echtem Harris Tweed mit Fischgrat- oder Tartanmuster, die den feuchtkalten Septemberwind auf den Hügeln abhalten, kombiniert mit handgestrickten Zopfmusterpullovern aus Schurwolle von Charles Robertson. Die Barbour-Wachsjacke gehört mit ihren charakteristischen Kordkrägen und feinen Reißverschlüssen fest dazu. Wenn am späten Nachmittag der Schlamm an den Säumen klebt, zeigt das nur den harten Einsatz an der Strecke. An den Füßen dominieren wasserdichte Lederstiefel von Dubarry of Ireland oder geländegängige Stiefel von Clarks mit starkem Profil, die nach stundenlangen Fußmärschen durch feuchte Wiesen und Matsch nichts an Tragekomfort einbüßen.
Mit einem kühlen Pimm's in der Hand an den Hindernissen zu stehen, das Spektakel hautnah mitzuerleben und abends im Pub die Ritte des Tages auszuwerten – genau diese unnachahmliche Mischung macht Burghley jedes Jahr zum Favoriten im britischen Reitsportkalender.


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