Julia Melchior ist die royale Expertin des ZDF. Seit vielen Jahren gewährt sie in ihren Dokumentationen spannende Einblicke hinter die Kulissen der europäischen Königshäuser. Wir trafen die Autorin und Filmemacherin in ihrer Heimatstadt Köln und sprachen mit ihr über Königin Elizabeth II., König Charles III. und den Alltag der Royals.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit den europäischen Königshäusern. Wann wurde das Interesse zum beruflichen Thema?
Bei mir war es umgekehrt: Aus dem Beruf ist erst das Interesse entstanden. Ich war nie besonders „royal-affin“, habe die Königshäuser eher nebenbei verfolgt. Eine frühe Erinnerung ist die Hochzeit von Diana – meine Mutter holte mich aus dem Kindergarten und setzte mich vor den Fernseher. Ich war natürlich begeistert von den Bildern und der Braut in ihrem märchenhaften Kleid, aber ich wurde deshalb nicht zum Fan.
Erst mit meiner Arbeit als Dokumentarfilmerin hat sich das Interesse vertieft. Vor genau 20 Jahren habe ich meinen ersten Film gemacht. In jedes Filmprojekt tauche ich mit großer Leidenschaft ein und mit den Einblicken wächst automatisch die Faszination.
Die britische Monarchie zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich als andere europäische Königshäuser. Worin unterscheidet sie sich?
Sie hat eine andere Reichweite: Der König ist nicht nur Staatsoberhaupt Großbritanniens, sondern vieler Commonwealth-Königreiche. Die historische und globale Dimension ist größer als bei den kontinentaleuropäischen Häusern.
Außerdem inszeniert sich die britische Monarchie sehr wirkungsvoll. Trooping the Colour bindet ein Millionenpublikum, Jubiläen der Queen haben vielen vor Augen geführt, wie stark sie Teil der nationalen Identität ist.
Die Häuser in Skandinavien, Benelux und Spanien empfinde ich dagegen oft als moderner – transparenter, verschlankt, mit klarer Trennung zwischen aktiven und nicht-aktiven Familienmitgliedern. Das britische Königshaus hinkt da zum Teil hinterher. Und doch schauen wir gerade auf Großbritannien. Das liegt wohl an einer Affinität, die in uns steckt. Vielleicht auch an einer gewissen Sehnsucht, dass wir nichts Vergleichbares haben, das uns so verbindet. Und nicht zuletzt sorgt die britische Königsfamilie auch immer für Gesprächsstoff.
In Ihrer ZDF-Dokumentation „Die Queen und ich“ sprechen Sie mit Menschen aus dem inneren Kreis. Wie findet man bei Elizabeth II. noch eine eigene Perspektive?
Indem man die Biografie gerade nicht noch einmal erzählt. Ich wollte keinen weiteren klassischen Lebenslauf der Queen, sondern die Menschen zeigen, die mit ihr gearbeitet und gelebt haben. Über sie lernt man die Königin von einer anderen Seite kennen.
Ein Beispiel ist Samantha Cohen, ihre Privatsekretärin: keine Aristokratin, deren Familie schon lange mit der Königsfamilie verbunden ist, sondern eine berufstätige Mutter aus Australien mit Organisationstalent und Empathie. Oder der Schneider Stewart Parvin, der nicht nur ihre modischen Vorlieben kannte, sondern auch viel Zeit mit der Queen bei Absprachen und Anproben verbrachte.
An solchen Figuren sieht man, welchen Typ Mensch die Queen an sich heranließ – das erzählt sehr viel über sie, als Arbeitgeberin und als Person.
Sie haben von den Aufenthalten in Balmoral erzählt. Was begeistert Sie daran?
Balmoral ist weniger prunkvoll, als ich erwartet habe. Innen wirkt es eher wie ein gemütliches Familienschloss: Viel Stoff, Schottenvorhänge, zahlreiche kleine Schlafzimmer und Bäder, damit Familie und Mitarbeiter unterkommen.
Spannend ist der Alltag dort: Samantha Cohen berichtet, dass sie vormittags mit der Queen gearbeitet hat, mittags frei bekam, um mit Mann und Kindern zum Fischen und Picknick zu gehen, und sich nachmittags wieder mit der Queen im Schloss traf, um die Staatspapiere zu bearbeiten. Die Queen war ein Familienmensch, auch mit Blick auf ihre Mitarbeiter.
Mir gefällt an Balmoral, dass es kein Museum, sondern ein lebendig genutztes Familienschloss ist.
Elizabeth II. galt als Symbol für Stabilität. Wie wichtig ist so eine Figur – und wie gelingt es König Charles III., ein eigenes Profil zu entwickeln?
Heute hängt die Zukunft einer Monarchie stark von der Person an der Spitze ab. Die Institution allein trägt nicht mehr, es geht um die Glaubwürdigkeit der Figur.
Charles ähnelt seiner Mutter in seinem Selbstverständnis. Er ordnet sein Leben der Krone und dem Dienst für die Nation unter. Er ist auch ein sehr gläubiger Mensch und ein echter Workaholic, der seine Arbeit sehr ernst nimmt und akribisch bis in die späten Abendstunden erledigt. Bei der Queen war die Work-Life-Balance sicherlich etwas ausgeglichener. Charles ist auch intellektueller als seine Mutter, politisch interessiert und mit Haltung, zum Beispiel in Klimafragen. Die Queen wahrte stets ihre Neutralität.
Charles führt das Erbe der Queen fort, entwickelt es aber weiter – eben durch Haltung, aber auch institutionell durch Schritte Richtung Transparenz und klare Entscheidungen in schwierigen Personalfragen. Er ist der richtige Mann für diese Zeit.
Seine Regentschaft wird altersbedingt wohl kürzer sein. Umso wichtiger ist es für William, die Schonzeit für die Familie und die Vorbereitung auf seine Regentschaft zu nutzen, denn die kann jederzeit beginnen.
In Ihren Filmen stehen oft Frauen im Mittelpunkt. Wie haben sich die Erwartungen an Frauen in Königshäusern verändert?
Mit der Demokratisierung der Monarchien sind die Herrscherfamilien von Machtträgern zu Repräsentanten geworden. Und bei der Repräsentation glänzen nun einmal die Frauen. Aber sie nutzen auch zunehmend ihre Möglichkeiten, um gesellschaftlich zu wirken, bestimmte Themen sichtbar zu machen oder gar auf die politische Tagesordnung zu heben.
Camilla ist ein gutes Beispiel: Nach persönlichen Begegnungen mit Opfern von häuslicher Gewalt, die sie zutiefst berührt haben, hat sie sich besonders dem Kampf gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch verschrieben.
Auch Kate beschränkt sich nicht auf reine Repräsentation, sondern widmet sich Themen wie Kindeswohl oder Suchterkrankungen – Bereiche, die nicht immer angenehm sind, aber gesellschaftlich relevant. Das erfordert Mut. Ich finde es wichtig, eben auch auf die Arbeit dieser Frauen aufmerksam zu machen.
Ihr Gegenstand ist emotional stark aufgeladen. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und Privatsphäre?
Die Geschichten aus den Königshäusern gleichen Familiensagas, die Öffentlichkeit verfolgt die Familienmitglieder von der Geburt bis zum Tod. Das erzeugt Anteilnahme und auch Neugier – gerade in Krisen und Übergängen.
Ich sehe aber sehr deutlich das Recht auf Privatsphäre, vor allem bei Kindern. Ein Beispiel ist die spanische Königsfamilie: Leonor und Sofia wurden lange abgeschirmt, kaum persönliche Details drangen nach außen. Erst im Teenageralter wurden sie sichtbarer.
Das Ergebnis ist eine Generation von Thronfolgerinnen und Thronfolgern, die selbstbewusster und innerlich versöhnter mit ihrer Rolle wirken als einst ihre Eltern.
William und Kate steuern sehr bewusst, was sie von ihren Kindern zeigen – etwa ausgewählte Fotos oder Videos zu Geburtstagen. So bedienen sie das öffentliche Interesse, ohne die Kindheit preiszugeben. Diese Balance ist wichtig und funktioniert sehr gut.
Gibt es eine Begegnung oder Szene aus Ihren britischen Projekten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Da gibt es gleich mehrere. Ich denke da zum Beispiel an meine Arbeit mit Prinz Michael von Kent für einen Film über die Romanows. Zunächst bekam ich keine Antwort, dann lud er mich doch ein – erst zum Vorgespräch, dann zum Interview, im Wohnbereich des Kensington-Palasts.
Das private Leben „hinter“ dem Museumsteil mitzuerleben, war spannend: Apartments und kleine Hausteile für Mitglieder der Königsfamilie. Wir schlenderten gerade über den Innenhof, als der kleine Prinz George an seinem ersten Geburtstag im Kinderwagen vorbeigeschoben wurde, mit Luftballon und Sonnenhut, und der Urgroßonkel freudestrahlend über das Familienglück des Thronfolgerpaars ins Schwelgen kam. Das wirkte wie eine ganz normale Familienszene, nur eben im Kensington-Palast.
Unvergessen bleibt für mich auch der Besuch bei John Warren, dem Freund und Pferdeberater der Queen. Sie kam oft übers Wochenende zu den Warrens, übernachtete in einem einfachen Gästezimmer am See, verbrachte Tage im Gummistiefel bei den Pferden und saß abends mit Züchtern und Trainern am Tisch.
Solche Momente zeigen die Queen als bescheidene Frau, die die kleinen Dinge schätzte. Das Leben der Royals ist viel bodenständiger ist, als man denkt. Das bleibt sehr stark hängen.


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