Die Britischen Inseln haben Burgen, Herrenhäuser, spektakuläre Küsten und vermutlich mehr Rosengärten, als ein Mensch in seinem Leben besichtigen kann. Alles schön und gut. Wer das Land aber wirklich verstehen möchte, sollte im Sommer lieber in einem der Dörfer urlauben, in denen die Briten und Iren ihre skurrilsten Traditionen ehren. Dort, wo ein Mann unter einer riesigen Blumengirlande verschwindet, Ruderer die königlichen Schwäne zählen oder eine Bergziege zum König gekrönt wird. Klingt komisch? Ist aber so.
Blumen statt Selfies
Am 29. Mai trifft sich Castleton im Peak District zum Garland Day. Der Star des Tages ist unter Hunderten frischer Blumen allerdings kaum zu erkennen. Sichtbar bleiben während des Umzugs meist nur zwei Beine. Der Rest verschwindet unter einer meterhohen Blumengirlande, die durch das Dorf getragen wird. Dahinter laufen Musiker, Schulkinder und Dorfbewohner her, als wäre der Umzug so normal wie der sonntägliche Kirchgang.
Warum das alles? Gute Frage. Die einen verweisen auf die Pestzeit, andere auf alte Frühlingsrituale. Beides ist jedoch nicht vollständig belegbar. Sicher ist nur: Castleton macht das seit langer Zeit so – und hoffentlich auch für die, die noch kommen.
Schwäne zählen für die Krone
Mitte Juli wird es auf der Themse erstaunlich offiziell. Wer zufällig am Ufer steht, könnte meinen, es gebe neuerdings eine königliche Schwanenbrigade. Tatsächlich handelt es sich um Swan Upping, eine Zeremonie, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. Dabei werden die Jungvögel der Höckerschwäne von den sogenannten Swan Uppers gezählt, gewogen, vermessen und gesundheitlich untersucht.
Ursprünglich ging es nicht um Naturschutz, sondern um Eigentumsrechte. Schwäne galten als Besitz der Krone und landeten durchaus auch auf königlichen Speisekarten. Deshalb musste regelmäßig festgestellt werden, welche Tiere wem gehörten. Heute dient das Ganze dem Schutz der Tiere, doch Boote, Uniformen und der feierliche Ablauf sind geblieben.
Ein König mit vier Beinen
Vom 10. bis 12. August übernimmt in Killorglin im irischen County Kerry eine Bergziege das Kommando. Zumindest symbolisch. Bei der Puck Fair wird sie zum „King Puck“ gekrönt und traditionell auf einem Gerüst über dem Marktplatz platziert. Von dort blickte sie früher drei Tage lang auf das Fest hinab. Nach einer kontroversen Diskussion über das Tierwohl wurde das geändert. Heute erscheint der tierische Monarch nur noch kurz auf seinem Podest, bevor er wieder heruntergenommen und in sein königliches (Berg-)Reich zurückkehren darf.
Warum ausgerechnet eine Ziege zum König wurde, darüber streiten Historiker bis heute. Die bekannteste Legende erzählt von einem wilden Ziegenbock, der die Bewohner Killorglins rechtzeitig vor den heranrückenden Truppen Oliver Cromwells gewarnt haben soll. Andere vermuten dagegen keltische Ursprünge oder ein altes Erntefest. Wahrscheinlich gilt auch hier die typisch britisch-irische Regel: Solange die Geschichte gut ist, muss sie nicht bis ins letzte Detail belegt werden.
Toffees und Seetang
Ende August übernimmt Ballycastle an der nordirischen Causeway Coast. Die Auld Lammas Fair wird seit dem frühen 17. Jahrhundert gefeiert und gehört zu den ältesten Jahrmärkten der Insel. Es gibt Marktstände, Fahrgeschäfte, Musik, Viehhandel und alles, was zu einem traditionellen Volksfest dazugehört. Und dann gibt es noch zwei Dinge, die Besucher zuverlässig ins Grübeln bringen: Yellowman und Dulse.
Yellowman ist ein honiggelber, ziemlich klebriger Toffee; Dulse nichts anderes als getrockneter Seetang. Die Kombination wirkt zunächst ungefähr so naheliegend wie Schwarzwälder Kirschtorte mit Rollmops. Für die Menschen an der Causeway Coast gehört sie jedoch seit Generationen zum Lammas Fair wie das Riesenrad und die Zuckerwatte. Man kann das kulinarisch hinterfragen. Man kann es auch lassen. Die Menschen in Ballycastle essen Yellowman und Dulse seit Generationen, und vermutlich ist genau das der Punkt: Nicht jede Tradition ist für alle.
Geweihe mit Geschichte
Der September lastet schwer auf den Schultern der Männer von Abbots Bromley. Und das ist in diesem Fall wörtlich gemeint. Seit Jahrhunderten werden hier zum jährlichen Horn Dance mächtige Rentiergeweihe getragen, um in diesem eigentümlich weihnachtlich anmutenden Aufzug durch die spätsommerlichen Straßen Staffordshires zu ziehen. Was für unwissende Besucher anmutet, wie die Dreharbeiten der tausendundeinsten Vikings-Staffel, ist in Wirklichkeit eine Tradition aus dem Mittelalter und in dieser Gegend nicht minder beliebt als die Netflix-Serie.
Warum die Herrschaften in Abbots Bromley mit den antiken Geweihen durch die Gegend tanzen, weiß zwar niemand, aber die verschiedensten Theorien über alte Jagdrituale, Fruchtbarkeitsbräuche und mittelalterliche Prozessionen gibt es schon so lange, wie die Hörner selbst. Die Bewohner von Bromley scheint’s nicht weiter zu stören. Sie tanzen sich die Hufe wund!


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