Wenn die Sonne Ende Juni erst spät hinter den Hügeln verschwindet und die Abende in Schottland kaum dunkel werden, werden in Großbritannien jahrhundertealte Rituale und Traditionen gefeiert. Mittsommer, die Sommersonnenwende um den 21. Juni, spielte bereits in keltischen und vorchristlichen Traditionen eine wichtige Rolle. Der längste Tag des Jahres markierte den Höhepunkt des Sommers und war tief verwurzelt mit Landwirtschaft, Erntezyklen und der Naturbeobachtung. Viele Feste fanden auf Hügeln, an Steinkreisen oder in Küstenregionen statt, wo Sonnenauf- und untergänge besonders sichtbar waren.
Stonehenge im Sonnenaufgang
In Stonehenge ist diese Verbindung bis heute sichtbar. Der berühmte Steinkreis in Wiltshire wurde zwischen etwa 3.000 und 1.500 vor Christus errichtet und ist astronomisch auf die Sonnenwende ausgerichtet. Jährlich versammeln sich dort Tausende Menschen zum Sonnenaufgang der Sommersonnenwende, wenn die ersten Sonnenstrahlen exakt zwischen den monumentalen Steinen hindurchfallen. Druiden in weißen Gewändern stehen neben Yogagruppen, Familien mit Picknickdecken neben spirituellen Reisenden und Festivalbesuchern, die die Nacht durchgemacht haben. Viele Szenen wirken modern, manche fast folkloristisch, doch Stonehenge erinnert daran, dass Sonne, Jahreszeiten und Landwirtschaft über Jahrtausende den Alltag geprägt haben.
Feuer auf den Hügeln
In Irland, Schottland und Wales war die Sonnenwende lange Zeit eng mit Feuer verbunden. Auf Anhöhen und Klippen wurden große Lagerfeuer entzündet, teilweise als Schutzritual für Ernten, Tiere und Familien. Besonders bekannt sind bis heute die Feuerzeremonien zum Sommerbeginn in Edinburgh rund um den Calton Hill mit Trommlern und Prozessionen. Auch in Irland werden vielerorts noch Sonnenwendfeuer entzündet, etwa in kleineren Küstenorten in County Clare oder Kerry.
Kräuter spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Farnkraut, Johanniskraut, Eisenkraut und wilde Blumen wurden gesammelt, getrocknet oder an Türen aufgehängt, weil ihnen heilende oder schützende Kräfte zugeschrieben wurden. In Teilen von Wales und Cornwall werden bis heute kleine Kräuterkränze gebunden oder Wildblumen in die Häuser gebracht. Moderne Wellness- und Naturbewegungen greifen diese alten Rituale inzwischen ebenfalls wieder auf, etwa bei Kräuterwanderungen, Wildflower-Workshops oder Sonnenwend-Yoga-Retreats in Cornwall, den Cotswolds oder auf der Isle of Skye.
Alte Rituale, neue Formen
Viele dieser Bräuche sind nie ganz verschwunden. Sie haben nur ihre Form verändert. Beim Golowan Festival ziehen bis heute Menschen mit Laternen, Masken und Musik durch die Straßen von Penzance. Auf den schottischen Inseln finden kleinere regionale Feiern statt, etwa auf den Shetland-Inseln oder auf der Isle of Lewis in den Äußeren Hebriden, oft mit Ceilidhs, traditionellen Tänzen und gemeinschaftlichen Abendessen im Freien. In England veranstalten viele Dörfer bis heute Sommerfeste rund um die Sonnenwende, teilweise verbunden mit Morris Dancing, Folk-Musik oder historischen Umzügen.
Shakespeare, Folk Tales und Sommernächte
Auch die britische Literatur griff das Thema immer wieder auf. Shakespeare machte die Mittsommernacht in A Midsummer Night’s Dream zu einem Ort voller Verwirrung, Romantik und magischer Begegnungen. Später wurde die Sonnenwende eng mit der Folk-Bewegung verbunden. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren entstanden in Großbritannien zahlreiche Folk-Festivals und offene Sommersonnenwendfeiern, häufig als Gegenentwurf zum urbanen Alltag. Bis heute gehören Folk-Musik, Lagerfeuer und gemeinsames Feiern für viele Menschen fest zum britischen Mittsommer.
Solange die Sonne scheint
Gerade auf den britischen Inseln, wo der Sommer selten verlässlich ist, werden helle Abende mit besonderer Entschlossenheit genutzt. Sobald die Sonne scheint, sitzen Menschen draußen, fahren ans Meer, grillen im Garten oder verbringen die Abende bis spät in den Pubgärten. Man nimmt, was kommt. Und wenn es nur drei trockene Stunden sind.


Suche







Leserbriefe (0)
Keine Leserbriefe gefunden!