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Mothering Sunday: Britischer Muttertag mit Stil

Mothering Sunday: Britischer Muttertag mit Stil

Blumen, Kuchen und das schlechte Gewissen, das man das ganze Jahr über mit sich herumträgt

Während wir hier in Deutschland den Muttertag artig im Mai abhaken – Blumenstrauß vom Tankstellenvorfeld, Sonntagmorgen unausgeschlafen überreicht – machen es die Briten natürlich ganz anders. Und natürlich besser. Mothering Sunday heißt der Tag dort und findet immer am vierten Fastensonntag statt – also irgendwann zwischen dem 1. März und dem 4. April. Mit dem deutschen Pendant hat er so viel gemein wie ein Scone mit einer Brezel. 

Weil wir die Insulaner nicht nur für ihren trockenen Humor und ihre völlig schmerzfreie Haltung gegenüber Blumenmuster-Tapeten still und heimlich bewundern, sondern auch für ihre Fähigkeit, selbst alten Traditionen mit Haltung zu begegnen, werfen wir deshalb einen Blick auf einen Feiertag, der seit dem 16. Jahrhundert existiert. Trotzdem wirkt er irgendwie frischer als unsere gesamte Debatte darüber, wie Grußkarten zum Muttertag möglichst gendergerecht formuliert werden sollten.v

Von Dienstmädchen, Kathedralen und Wildblumen am Wegesrand

Der Ursprung von Mothering Sunday ist so britisch wie Regenschauer im März. Im 16. Jahrhundert war es nämlich Brauch, am vierten Fastensonntag die sogenannte Mutterkirche aufzusuchen – also nicht die Mutter, sondern die Hauptkirche der Region. Klingt zunächst wenig berührend, wurde aber bald mit echtem Gefühl aufgeladen: Junge Dienstmädchen und Lehrlinge, die weit weg von zuhause schufteten, bekamen an diesem Tag frei. Sie gingen nach Hause. Unterwegs pflückten sie Narzissen und Wildblumen – nicht weil ein Werbeteam es ihnen empfohlen hatte, sondern weil es sich eben so gehörte.

Und so wurde der Tag zum Fest der Rückkehr. Der Kuchen, den man mitbrachte, hieß Simnel Cake – ein saftiger Früchtekuchen mit Marzipandecke und elf Kugeln auf der Decke, die die elf treuen Apostel symbolisieren. Judas fehlt, logischerweise. Man bringt der Mutter schließlich keinen Kuchen mit dem Verräter darauf.

Narzissen statt Nelken – und das mit voller Überzeugung

Heute sieht man an Mothering Sunday auf jedem britischen Markt, in jedem Supermarkt und vor jeder Tube-Station Narzissenbündel, als hätte jemand ganz England in ein Keukenhof-Prospekt verwandelt. Leuchtend gelb, frühlingshaft und – das ist entscheidend – nicht in Zellophan eingeschweißt mit einem aufgedruckten Bild von einem Teddybär. Die Briten hassen diesen Überfluss. Sie kaufen Blumen so, als hätten sie sie gerade selbst gepflückt.

Kinder basteln Karten. Echte, ungeschickte, herrlich unperfekte Karten mit Buntstift-Sonne und schiefer Schrift. In deutschen Kindergärten würde man dafür möglicherweise ein Pädagogikkonzept einreichen. In britischen Schulen klebt man einfach Schnipsel auf Tonkarton und schickt das Kind nach Hause. Das Ergebnis hängt dann jahrzehntelang am Kühlschrank. Besser als jeder Einkaufsgutschein.

Mothering Sunday vs. Mother’s Day: Der feine, aber wichtige Unterschied

Hier muss man kurz innehalten, denn die Briten selbst machen diesen Fehler auch manchmal: Mothering Sunday und Mother’s Day sind nicht dasselbe. Der amerikanische Mother’s Day findet immer am zweiten Sonntag im Mai statt und wurde im frühen 20. Jahrhundert erfunden – mit der Energie einer Hallmark-Kampagne und der Entschlossenheit, die Blumenindustrie nachhaltig zu beglücken. Mothering Sunday hingegen richtet sich nach dem Kirchenkalender. Er ist beweglich, er ist alt, und er hat keine PR-Agentur im Nacken.

Trotzdem: Auch auf der Insel wird inzwischen kräftig mitgefeiert, mitgegessen und mitgekauft. Restaurants bieten Sondermenüs an. Spa-Gutscheine werden überreicht. Und irgendwo in einem viktorianischen Reihenhaus in Surrey serviert ein Sohn seiner Mutter das Frühstück ans Bett – halbgar, aber mit so viel Herzblut gebraten, dass es egal ist. Die Briten überzeugen nicht durch Perfektion, sondern durch liebevolle Gesten.

Ein Fest, das Wärme nicht buchstabieren muss

Was Mothering Sunday so besonders macht, ist nicht der Kuchen und nicht die Blumen – es ist die Selbstverständlichkeit. In London versammeln sich Familien quer durch alle Communities, alle Generationen, alle Hintergründe. Es wird kein großer Diskurs geführt über die Definition von Mutterschaft im postmodernen Familienmodell. Man isst zusammen. Man umarmt sich. Man sagt: Danke. Manchmal reicht das.

Der Feiertag hat sich mittlerweile längst geöffnet: Stiefmütter, Großmütter, Tanten, Patentanten, die Frau von nebenan, die immer ein Auge auf die Kinder hatte – alle dürfen gefeiert werden. Eine Ausweitung des Herzens, sozusagen. Ohne Antrag, ohne Formular, ohne Wartezeit beim Amt.

Also: Während wir im Mai wieder rätseln, ob Rosen oder Tulpen, ob Gutschein oder Erlebnis, ob Anruf reicht oder man wirklich hinfahren muss – machen es die Briten schon jetzt im März. Mit Narzissen aus dem Supermarkt, einem schiefen, selbst gebackenen Kuchen und dem aufrichtigen Willen, es gut zu meinen. Und das, bei allem Respekt, ist manchmal die eleganteste Lösung von allen.

Happy Mothering Sunday!

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