Das verwitterte Eichentor am Ende der kleinen Dorfstraße steht fast das ganze Jahr über fest verschlossen. Wenn man auf den Spaziergängen durch die englische Landschaft daran vorbeigeht, bleibt der Blick unwillkürlich am alten Türsturz oder dem leicht überwachsenen Wappen aus Sandstein hängen. Man hört das Rascheln von Efeu, spürt die feuchte Spätsommerluft und ertappt sich bei einem Wunsch, der wohl jedem Geschichtsbegeisterten vertraut ist: nur einmal kurz dahinter schauen dürfen. Vom 11. bis zum 20. September 2026 wird genau das im ganzen Land möglich.
Ein Blick hinter die Kulissen seit 1994
Was heute als Englands größtes Kulturfestival gilt, begann bereits im Jahr 1994. Was damals als kleiner, feiner Beitrag zu den European Heritage Days ins Leben gerufen wurde, hat sich über drei Jahrzehnte hinweg zu einer echten Herzensangelegenheit entwickelt. Die Idee dahinter ist so simpel wie faszinierend: Geschichte soll nicht hinter Bezahlschranken oder dicken Zäunen versteckt sein, sondern allen Menschen kostenlos offenstehen.
Wenn die Heritage Open Days ihre Tore öffnen, geht es dabei selten um die ohnehin weltberühmten Touristenmagnete. Das Eigentliche liegt in den verborgenen Details: Private Herrenhäuser aus Familienbesitz öffnen Räume, die sonst kein Fremder betritt, jahrhundertealte Reetdachkaten lassen durch ihre kleinen Fenster blicken, und ehrwürdige Handwerksbetriebe lassen die Besucher das historische Werkzeug selbst in die Hand nehmen.
Wohin die Reise führt: Verborgene Schätze im ganzen Land
In Yorkshire geht es besonders weit zurück in die britische Geschichte. Im mächtigen normannischen Conisbrough Castle in South Yorkshire, dessen Ursprünge mehr als 800 Jahre zurückreichen, ziehen am 12. September Wikinger ein: Bei Vorführungen und nachgestellten Kämpfen lässt sich erleben, wie die nordischen Siedler einst lebten und kämpften. Eine Woche später, am 19. September, gehört die Burg dann den mittelalterlichen Rittern, die mit Rüstungen, Kampfvorführungen und Geschichten aus ihrer Zeit das Mittelalter wieder lebendig werden lassen.
Noch einmal rund tausend Jahre weiter zurück geht es am 20. September in Aldborough in North Yorkshire. Wo sich einst die römische Stadt Isurium Brigantum befand, können Besucher die archäologische Stätte, das Museum und den römischen Garten erkunden – und Archäologen der University of Cambridge bei laufenden Ausgrabungen über die Schulter schauen. Einen ganz anderen Einblick in das historische Yorkshire bietet schließlich die eindrucksvolle Ruine der Byland Abbey. Zwischen dem 18. und 20. September erzählen Führungen und Vorträge vom Alltag der Zisterzienser, von widerspenstigen Mönchen und ihren Strafen, vom Leben der Laienbrüder und Chormönche bis zur Auflösung der englischen Klöster unter Heinrich VIII.
Regionale Highlights entdecken
Weiter südwestlich lohnt sich im September ein Abstecher nach Cornwall. Während der Heritage Open Days findet am 12. September in den jahrhundertealten Enys Gardens bei Penryn Awenek das Great Cornish Heritage Festival statt – unabhängig aber zeitgleich. Das Festival widmet einen ganzen Tag der Kulturgeschichte Cornwalls: Zwischen den alten Gartenanlagen treffen Besucher auf Living-History-Darsteller, traditionelle Handwerker, Cornish Wrestling, prähistorische Handwerkstechniken und archäologische Präsentationen. Besonders spannend sind in diesem Jahr außerdem geführte Touren durch das altehrwürdige Enys House. Wem die Reise zu den Heritage Open Days ohnehin in den Südwesten führt, bekommt hier also gleich noch ein zweites Heritage-Festival dazu.
Ein echtes Highlight der Heritage Open Days in Cornwall ist Cotehele, das hoch über dem River Tamar gelegene Tudor-Anwesen. Vom 12. bis 20. September können Besucher Haus und Garten kostenlos erkunden. Besonders sehenswert ist der Mother Orchard mit mehr als 300 Bäumen und 125 historischen Apfelsorten, darunter alte regionale Sorten wie Cornish Honeypinnick, Limberlimb und Pig’s Nose.
Von georgianischen Salons bis zu alten Wassermühlen
Wer historische Stadtarchitektur bevorzugt, findet in Bristol eines der spannendsten Ziele der diesjährigen Heritage Open Days. In der mittelalterlichen Temple Church führen am 12. und 18. September spezielle „Knights, Blitz and Leaning Towers“-Touren durch mehr als 800 Jahre Stadtgeschichte. Dabei geht es von den Ursprüngen des Ortes und seiner Verbindung zu den Tempelrittern über den charakteristisch geneigten Turm bis hin zu den schweren Zerstörungen während des Bristol-Blitzes im Zweiten Weltkrieg.
Im ländlichen England lohnt sich der Blick in die versteckten Winkel des Peak District. In Cromford im Derwent Valley steht 2026 ein besonderes Jubiläum im Mittelpunkt: Vor 250 Jahren entstanden hier Richard Arkwrights Second Mill und die Arbeiterhäuser in North Street – ein Ensemble, das die frühe Industrialisierung bis heute außergewöhnlich anschaulich macht.
Während der Heritage Open Days am 19. und 20. September öffnet der Landmark Trust eines dieser historischen Arbeiterhäuser, das sich über drei Etagen erstreckt, vom Wohn- und Küchenbereich bis zum Dachgeschoss, in dem einst Strumpfwirkerei betrieben wurde. In Cromford Mills selbst erzählt außerdem die Sonderausstellung „1776: When the Threads Came Together“ davon, wie die wasserbetriebene Baumwollspinnerei das Arbeiten und Wohnen weit über das Derwent Valley hinaus verändern sollte.
Die Kunst des Bewahrens
Dahinter steckt weit mehr als eine organisierte Kulturveranstaltung. Die Heritage Open Days erzählen von einer Leidenschaft für das Erhalten und Bewahren, die in Großbritannien tief verwurzelt ist. Tausende Freiwillige öffnen Türen, führen durch alte Häuser, Kirchen und Werkstätten und erzählen von den Menschen, die diese Orte erbauten, bewohnten oder vor dem Verfall retteten. Baukultur wird dabei zum gelebten Alltag – getragen von Menschen in abgetragenen Wachsjacken und festen Lederschuhen, die ihr Wissen mit enormer Wärme teilen.


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