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Die feine englische Art

Festivalsommer in Großbritannien

Andere Länder fahren im August an den Strand. Großbritannien und Irland gehen lieber ins Zelt, ins Theater oder gleich auf dem Schlosshof. Allein in Edinburgh laufen vier große Festivals zur selben Zeit, während Reading und Leeds parallel zwei der größten Musikfestivals des Landes stemmen, Belfast zum ersten Mal die Fleadh Cheoil ausrichtet und London mit Notting Hill Carnival und Creamfields gleich zwei völlig unterschiedliche Publikumsschichten bedient. Wer im August durch Großbritannien und Irland reist, muss selten einen Reiseführer aufschlagen. Es reicht, der fröhlichen Meute zu folgen.

Das Fringe kennt keine Jury

Über 4.000 Produktionen, mehr als 70 Länder, rund 300 Spielstätten zwischen Theatersaal, Kirche und Pub-Hinterzimmer – das ist der Edinburgh Festival Fringe, der 2026 vom 7. bis 31. August stattfindet. Angefangen hat das Ganze im Jahr 1947 eher aus Trotz: Acht Theatergruppen wurden zum offiziellen Festival nicht eingeladen und spielten kurzerhand daneben ihr eigenes Programm. Bis heute ist das Prinzip dasselbe geblieben. Niemand entscheidet, wer gut genug ist. Wer eine Bühne auftreibt, tritt auf. 2025 kamen dabei 2,6 Millionen verkaufte Tickets zusammen, fast 54.000 Vorstellungen und knapp 3.900 Shows aus 68 Ländern – Zahlen, an denen sich 2026 messen lassen muss.

Dudelsäcke, Drill Teams und ein Pinguin

Vor der Kulisse von Edinburgh Castle marschieren vom 7. bis 29. August wieder Militärkapellen aus aller Welt auf: Heeresmusikkorps Koblenz, New Zealand Army Band, Qatar Police Academy Band and Drill Team, United States Army Field Band. Über 800 Performer, in diesem Jahr unter dem Titel „A Call To Gather“, geführt von der Royal Air Force. Seit der ersten Ausgabe 1950 waren Bands aus mehr als 30 Ländern dabei, darunter die Band der norwegischen Königsgarde, die es seit 1961 auf acht Auftritte dort gebracht hat. 1972 brachte sie ihr Maskottchen mit nach Edinburgh Zoo – einen Pinguin namens Nils Olav, der bis heute im Zoo von Edinburgh lebt und, das nur nebenbei, längst selbst zum Offizier der Garde ernannt wurde.

Leeds, Reading und ein Rollstuhl, der Geschichte schrieb

Charli XCX, Chase & Status, Dave, Florence + The Machine, Fontaines D.C. und RAYE headlinen 2026 gleichzeitig in Reading und im yorkshirischen Bramham Park, vom 27. bis 30. August – zum ersten Mal seit 25 Jahren stammen sämtliche Top-Acts aus Großbritannien und Irland. Leeds bekommt außerdem seinen ersten Donnerstags-Headliner überhaupt: Kasabian eröffnet den nun vier Tage langen Ablauf. Die Wurzeln reichen bis 1961 zurück, damals noch als Jazzfestival, seit 1971 unter dem heutigen Namen in Reading. Das legendärste Jahr war 1992, als Kurt Cobain im Rollstuhl auf die Bühne gefahren kam, die Gerüchte um seinen Gesundheitszustand parodierte, aufstand und eines der meistzitierten Sets der Festivalgeschichte spielte. Foo Fighters, Foo Fighters, gegründet von Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl, der nun selbst am Mikrofon steht, standen 1995, 2005 und 2012 oben auf dem Programm, Arctic Monkeys spielten 2005 noch im Carling-Zelt, Monate vor ihrem Debütalbum, ehe sie 2009, 2014 und 2022 selbst headlineten.

Auch die Klassik kommt nicht zu kurz

Wer es lieber klassisch mag, findet vom 7. bis 30. August das Edinburgh International Festival, in diesem Jahr unter dem Motto „All Rise“: 147 Vorstellungen, fünf Weltpremieren, zehn Auftragswerke. Die Berliner Philharmoniker kehren nach längerer Pause für zwei Konzerte unter Kirill Petrenko zurück, das Zürcher Opernhaus bringt Verdis „Un ballo in maschera“ unter Gianandrea Noseda auf die Bühne des Festival Theaters, und das San Francisco Ballet zeigt die Europapremiere von „Mere Mortals“ – choreografiert von Aszure Barton, live vertont vom Elektronikmusiker Floating Points zusammen mit dem Royal Scottish National Orchestra. 

Die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy inszeniert mit dem Golden-Globe-nominierten Wagner Moura „A Trial – after An Enemy of the People“, ihre Version von Ibsens Klassiker. Gustavo Dudamel bringt das LA Phil mit. Geigerin Nicola Benedetti leitet das Festival nun in ihrem vierten Jahr.

The Place to be für Bücherwürmer

Rund 600 Autorinnen und Autoren aus 41 Ländern kommen vom 15. bis 30. August zum Edinburgh International Book Festival, dieses Jahr erstmals auch in der Greyfriars Kirk neben dem üblichen Edinburgh Futures Institute. Motto: „Changing Your Mind“. Das Zugpferd ist ein gemeinsamer Auftritt von John Grisham und Ian Rankin in der McEwan Hall, eine Konstellation, die es zuvor so nicht gab. 

Dazu Booker-Preisträger Douglas Stuart, Diana Gabaldon, Historiker David Olusoga, Maggie O'Farrell, Ann Patchett, Ali Smith und Matt Haig. Auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, Autor Michael Pollan sowie die frühere finnische Premierministerin Sanna Marin und Ex-Premier Gordon Brown stehen auf der Gästeliste. 2025 kamen rund 162.000 Besucher.

Belfast holt sich die Fleadh

Ganz woanders, aber nicht weniger bedeutend: Vom 2. bis 9. August 2026 findet die Fleadh Cheoil na hÉireann erstmals in ihrer Geschichte in Belfast statt. Seit 1951 ist es die größte Bühne für traditionelle irische Musik, mit über 180 Wettbewerbskategorien für All-Ireland-Titel in Gesang, Tanz und Instrumentalmusik. Rund 500.000 Besucher werden über die acht Tage erwartet, dazu Pub-Sessions und Straßenauftritte in der ganzen Stadt. Für Belfast, seit 2021 UNESCO City of Music, ist es die größte Veranstaltung dieser Art, die die Stadt je ausgerichtet hat.

Und zum Schluss: Karneval und Beats

Am anderen Ende des Kalenders treffen zwei völlig gegensätzliche Welten aufeinander. Notting Hill Carnival, am 30. und 31. August in West-London: das größte Straßenfestival Europas, zurückgehend auf Claudia Jones' Karneval von 1959 und Rhaune Lesletts Straßenfest von 1966, mit Steelbands, Soca und einem Kinderumzug am Sonntag – rund zwei Millionen Menschen kommen jedes Jahr. Parallel dazu dröhnt vom 27. bis 30. August in Daresbury bei Cheshire Creamfields, eines der größten Electronic-Festivals des Landes und direkter Konkurrent von Reading & Leeds um genau dasselbe Wochenende.

Wer seine Sommerferien in Großbritannien oder Irland verbringt, sollte unbedingt Augen und Ohren offenhalten. Viele der schönsten Events finden gar nicht in den großen Städten statt, sondern in kleinen Dörfern – wie dem Cape Clear Storytelling Festival auf einer winzigen Insel vor West Cork – und sind dafür umso origineller.

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